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Bremen: „Es wird viel zu viel unter den Teppich gekehrt”

Bremen : „Es wird viel zu viel unter den Teppich gekehrt”

Die Atmosphäre bei den letzten Proben für das umstrittene Stück „Die Zehn Gebote” in der Bremer Friedenskirche ist entspannt, nichts deutet auf einen Skandal hin.

Regisseur Johann Kresnik erläutert professionell und mit Humor den Schauspielern, wie sie spielen sollen. Am kommenden Donnerstag (22. Januar) findet in der Bremer Friedenskirche die Uraufführung des Stückes statt, das bereits für Schlagzeilen sorgte.

Nach einer Welle von Wutanrufen und Morddrohungen wegen geplanter Nackt- und Liebesszenen hatte der Bremer Dom die Theatertruppe im Dezember schon nach den ersten Proben wieder vor die Tür gesetzt.

Die Bremer Friedenskirche, nach Angaben des Dramaturgen gerade mal ein Fünftel so groß, bietet den „Zehn Geboten” jetzt Bühnen- Asyl. Pastor Bernd Klingbeil-Jahr hatte sein Gotteshaus angeboten, weil er Anstoß zum Nachdenken über die Gebote schätzt: „Gott ist nicht nur der liebe Gott unseres Kinderglaubens, der uns Heimat gibt, sondern auch ein Gott, der für Aufbruch und kritische Nachfrage steht.”

Verantwortlich für das Schauspiel-Projekt in der Kirche ist der Bremer Theaterintendant Klaus Pierwoß. Reinhard Tschapke sprach mit ihm über „Die zehn Gebote”.

Haben Sie die Provokation systematisch geplant?

Pierwoß: Nein! Ich bin ein grundsätzlicher Gegner von am Theater geplanten Provokationen, weil die sich in der Regel nicht einstellen.

Die Vergangenheit zeigt, dass Herr Kresnik, inzwischen 64, eigentlich immer für eine Provokation gut ist...

Pierwoß: Die bei uns gemachten Produktionen, darunter „Die letzten Tage der Menschheit” im U-Boot-Bunker Valentin oder „Vogeler” waren keine Provokation. Vielleicht war seine „Fidelio”-Inszenierung auf der Vulkan-Werft eine radikale Provokation - aber nur insoweit, als sie die Leute zum Nachdenken gebracht hat. Kresnik kann man nicht einfach als Provokations-Hansel abstempeln.

Nun ist es nicht ganz alltäglich, zehn nackte Damen über 60 im ehrwürdigen Bremer St.-Petri-Dom an Nähmaschinen zu setzen.

Pierwoß: Da wäre es vielleicht sinnvoll gewesen, den funktionalen szenischen Zusammenhang darzustellen.

Was meinen Sie damit?

Pierwoß: Es ging nicht um sexistische oder pornografische Absichten. Man wollte Nacktheit als ex-tremes Bild von Ausgeliefertsein und Schutzlosigkeit darstellen. Die Menschen, die zum Beispiel in die Gaskammern gingen, waren ja auch nackt und kahl geschoren.

Im Dom sollte eine Gruppe von Menschen - eben durch die nackten Damen dargestellt - zeigen, wie in der Dritten Welt unter völlig unwürdigen Bedingungen an Kinderkleidung genäht wird, die dann teuer bei uns in den Regalen landet.

Ist die Szene jetzt eigentlich - nach den öffentlichen Protesten und den Drohungen von Kirchenaustritten - gestrichen worden

Pierwoß: Nein, aber wir wissen noch nicht, ob die Szene kommt - und das ist ja eben das Besondere: Kresnik liebt einen vitalen, offenen Probenprozess mit Experimenten. Er probiert etwas aus, und gegebenenfalls streicht er es dann wieder. Deshalb kann ich auch überhaupt nicht die Entrüstung über ein unfertiges Stück verstehen.

Greifen Sie als Intendant in Inszenierungen ein?

Pierwoß: Ich suche das Gespräch mit den Regisseuren, auch mit Johann Kresnik - und er will das auch, er zeigt sich offen. Ich habe nur einmal in meiner Laufbahn eine Produktion abgesetzt. Das Komische ist doch: Ein Stück, über dessen Wirkung man spekuliert, wird dann vom Publikum ganz anders wahrgenommen, als man denkt.

Wurden Sie wegen der „Zehn GeboteÓ unter Druck gesetzt?

Pierwoß: Überhaupt nicht. Die Kirche hat alles alleine abbekommen. Ich glaube, wir sind im Anstiften und Aushalten öffentlicher Kontroversen etwas erfahrener als die Kirche. Schließlich legen wir es auf den Widerspruch an.

Wird die Premiere am 22. Januar stattfinden?

Pierwoß: Ja, das sieht ganz so aus. Wir haben ja einen neuen Spielort in der evangelischen Friedenskirche gefunden - sowohl der Pfarrer als auch der Kirchenvorstand hatten da eine positive Einstellung zu Kresniks „Zehn Geboten”.

Ich hoffe, dass mit dem Stück viele öffentliche Debatten ausgelöst werden. Nicht nur um Weihnachten herum wird bei uns nämlich viel zu viel unter den breiten Konsens-Teppich gekehrt.