Gendergerechte Sprache: „Es ist eine Sache der Höflichkeit“

Gendergerechte Sprache : „Es ist eine Sache der Höflichkeit“

Sprachwissenschaftler und Autoren sind sich beim Thema geschlechtergerechte Sprache alles andere als einig. Am 6. Juni soll an der Katho Aachen unter dem Titel „Genderwahn oder moralische Verpflichtung“ diskutiert werden. Joachim Söder, Professor für Philosophie, sagt: Moralisieren führt zu einer gesellschaftlichen Kluft.

Die Katho-Tagung trägt den Titel „Genderwahn oder moralische Verpflichtung“ – was meinen Sie?

Joachim Söder: Ich versuche, jenseits von Genderwahn und Polarisierung den Akzent zu sehen. Einerseits gibt es Leute, die meinen, durch die „Vergenderung“ der Sprache würde das Abendland untergehen – das ist kurzsichtig gedacht. Auf der anderen Seite: Es gibt nicht den moralischen Imperativ der Gendergerechtigkeit. Egal, welche Art von Ethik oder von Moralphilosophie man zu Grunde legt: Es gibt keine moralische Verpflichtung dazu.

Wie muss der Diskurs also Ihrer Meinung nach geführt werden?

Söder: Ich würde für Entspannung plädieren. Es ist eine Sache der Höflichkeit, Menschen so anzusprechen, wie sie angesprochen werden wollen. Aber Höflichkeit kann man nicht erzwingen. Dadurch, dass man moralisiert, schafft man immer eine gesellschaftliche Kluft zwischen den „Guten“, die auf der moralisch richtigen Seite stehen, und den Anderen, die auf der moralisch falschen Seite stehen. Und genau das führt nicht dazu, dass die Gesellschaft zusammenhält, sondern dass sie auseinanderdriftet. Ich finde, wir müssen aus dieser Moralisierungsfalle herauskommen und für Höflichkeit plädieren. Das klingt ein bisschen angestaubt, aber genau das ist, was mir in unseren gesellschaftlichen Debatten fehlt.

Wie halten Sie es an der Katho?

Söder: In der Grundordnung haben wir alle Titel in weiblicher Form – „die Rektorin“, „die Dekanin“. Eine weitere Sache ist, dass man bei Amtsbezeichnungen jeweils abwechselt – mal die männliche Form, mal die weibliche Form nimmt. Zum Teil wird auch das der Unterstrich benutzt, der vom Senat der Katho als das bevorzugte Instrument gender­gerechter Sprache benannt worden ist. Das sehe ich allerdings kritisch, weil es ein optisches Signal ist, dass man nicht sprechen kann. Was in jedem Fall nicht funktionieren kann, ist eine Art „Sprachpolizei“ oder „Sprachdiktatur“. Alle künstlichen Plansprachen wie Esperanto haben sich als nicht durchsetzungsfähig erwiesen. Deshalb bin ich sehr skeptisch, ob mit einer Art „Sprachdiktatur“ das Problem aus der Welt zu schaffen ist.

(kt)
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