Gendergerechte Sprache: „Es ist eine Frage der Moral“

Gendergerechte Sprache : „Es ist eine Frage der Moral“

Seit 100 Jahren sind Wähler auch Wählerinnen, längst können Hebammen auch Männer sein und Frauen Bundeskanzler. Wie unsere Sprache das widerspiegeln kann und ob sie das überhaupt muss, wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Wer Geschlechtergerechtigkeit will, muss gendern, findet Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch. Am 6. Juni ist er auf einer Fachtagung an der Katholischen Hochschule zu Gast.

Als die Stadt Hannover Anfang des Jahresin in allen öffentlichen Schreiben die Partizipialform einführte (Lehrende, Wählende, Bauleitung), löste das eine hitzige Debatte und massive Anfeindungen von außen aus. Auch Sprachwissenschaftler und Autoren sind sich beim Thema geschlechtergerechte Sprache alles andere als einig. Anatol Stefanowitsch ist Professor für Englische Philologie an der FU Berlin und vertritt die Ansicht, dass aus moralischen Gründen gegendert werden muss. Wie das mit unserem täglichen Sprachgebrauch zu vereinen ist, darüber spricht er mit Kristina Toussaint.

Wir können in Deutschland die Geschlechtsauswahl „divers“ treffen. Gleichzeitig haben wir keine gemeinsame Handhabe dafür, wenigstens „männlich“ und „weiblich“ in unserer Sprache zu inkludieren. Wieso?

Anatol Stefanowitsch: Gesellschaftlicher Wandel geht schneller als sprachlicher Wandel. Wenn wir uns den Wortschatz der vergangenen 100 Jahre angucken, hat der sich drastisch verändert. Diskriminierendes Vokabular ist in großen Teilen verschwunden. Beim Geschlecht ist das Problem, dass das System selbst betroffen ist – grammatisches Geschlecht, die Pronomen, Personenbezeichnungen. Das lässt sich nicht mal eben umschmeißen, weil sich die Vorstellungen von Geschlecht ein kleines Stück weiterentwickelt haben. Deshalb ist die Idee, dass wir in der gesprochenen Sprache in absehbarer Zeit gute Lösungen finden, auf breiter Ebene wohl unrealistisch. In der geschriebenen Sprache können wir mit orthografischen Konventionen spielen, wie dem Gender-Sternchen, der Gender-Lücke oder anderen Lösungen – und hoffen, dass das zumindest in den Bereichen, in denen wir mit geschriebener Sprache umgehen, zu einer gewissen Bewusstseinsschaffung beiträgt.

Wieso fällt diese Bewusstseinsschaffung so schwer?

Stefanowitsch: Dabei gibt es zwei Probleme. Das erste ist, dass wir die männliche Form als Normallfall nehmen und meinen, alle anderen müssen sich mitgemeint fühlen. Die Lösung dafür ist relativ leicht: weibliche Formen müssen zusätzlich genutzt werden. Das zweite Problem ist ein weitreichenderes: Selbst, wenn wir zum Beispiel die katholische Kirche dazu überreden könnten, überall ein Gender-Sternchen zu verwenden, glaube ich nicht, dass das die Sichtweise auf Geschlecht auf einen Schlag in den Gedanken der Verwender/-innen und Empfänger/-innen ändern würde. Bei den weiblichen Formen weiß man, dass sie psycholinguistisch zur mentalen Repräsentation von Frauen führen, bei einem Gender-Sternchen wissen wir nicht, was beim Lesen mitrepräsentiert wird, weil das nicht erforscht ist. Die Antipathie, die dem Gender-Sternchen als sehr kleinem, unschuldigem Versuch, Bewusstsein zu schaffen, entgegengebracht wird, deutet darauf hin, dass es bei vielen Menschen keine Bereitschaft gibt, sich damit auseinanderzusetzen, was hier überhaupt gewollt wird.

Sie sagen, das generische Maskulinum sei eine Fiktion. Wieso?

Stefanowitsch: Das, was ich als Fiktion bezeichnen würde, ist die Idee, dass das funktionieren kann. Dass wir einfach entscheiden könnten, dass wir hier zwar von Männern reden, aber Frauen einfach immer mitdenken. So funktioniert Sprachverarbeitung aber nicht. Man konnte sich das eine ganze Zeit lang einreden, weil die Frauen in vielen Bereichen eben sehr selten waren. Inzwischen sind beispielsweise mehr Frauen als Männer im Lehramt tätig, und trotzdem tun wir weiter so, als ob wir von „den Lehrern“ sprechen könnten. Diese Fiktion ist jetzt so offensichtlich geworden, weil es in vielen gesellschaftlichen Bereichen materiell schon eine starke weibliche Repräsentanz gibt. Dazu kommen die Gruppen, die sich keinem Geschlecht zuordnen, die sagen: Wenn ihr anfangt, jetzt Männer und Frauen explizit zu nennen, finden wir uns darin erst recht nicht wieder.

Wie wäre es denn mit dem generischen Femininum?

Stefanowitsch: Das ist ein interessanter Denkanstoß aus den 1980ern, der sich aber nicht durchgesetzt hat. Wenn ich ein Femininum benutze, wird das als Femininum gedacht – stärker noch, als umgekehrt beim Maskulinum. Wir könnten durch eine gemischte Verwendung wahrscheinlich schaffen, dass vorsichtiger interpretiert wird. Zwischenzeitlich könnte das eine Lösung sein. Aber das Femininum wäre genauso wenig generisch wie das Maskulinum.

Sie haben mal gesagt: Nützliche Sprachformen setzen sich durch. Steht das nicht oft im Konflikt mit dem, was moralisch richtig ist?

Stefanowitsch: Die Formen setzen sich da durch, wo sie für die Sprachgemeinschaft nützlich sind. Natürlich kann es passieren, dass eine Notwendigkeit gesellschaftlich nicht gesehen wird, obwohl sie tatsächlich besteht. Ich bin aber dagegen, dieses Problem durch konkrete Vorschriften zu lösen. Ich bin durchaus dafür, dass eine Behörde ihren Mitarbeitenden sagt: Es ist hier das generische Maskulinum zu vermeiden. Ich finde aber relativ problematisch, zu sagen: Hier wird ab jetzt nur das Gender-Sternchen benutzt. Weil ich mir die Frage stelle, ob eine Behörde die Aufgabe hat, die Sprachentwicklung in eine bestimmte Richtung voranzutreiben. Insofern: Ja, es ist eine moralische Frage, aber es ist nicht jeder gesellschaftliche Akteur an einer Position, wo eine Person oder ein Gremium vorschreiben kann, was die korrekte Antwort auf diese moralische Frage ist. Wenn Universitätsverwaltungen das Gender-Sternchen verwenden, ist das etwas anderes, als wenn eine Schulbehörde etwas rausschickt – und nochmal etwas anderes, als wenn das Finanzamt damit anfangen würde – ohne sich vorher in einen Diskussionsprozess zu begeben. Es ist eine Gratwanderung: Egal, wie recht einige Leute mit ihren Forderungen haben, kann es kontraproduktiv sein, bestimmte Dinge einfach umzusetzen.

Man muss den Leuten Zeit geben?

Stefanowitsch: Die Bevölkerung ist gar nicht so stark gegen die geschlechtergerechte Sprache, wie es aussieht, wenn man ins Feuilleton schaut. Die großen Umfragen zeigen eher ein Fifty-Fifty. In so einer Situation ist Überzeugungsarbeit der richtigere Weg – einen Freiraum schaffen und verschiedene Formen nebeneinanderher existieren lassen. Ich fürchte, dieser Überzeugungsprozess ist ein Teil davon, dass man Lösungen findet, die dann auch stabil sind. Die Geschichte zeigt, dass Vorschriften immer nur eins von mehreren Werkzeugen sein können.

Wenn Sie spekulieren sollten: Welche Gender-Form setzt sich durch?

Stefanowitsch: Ich würde voraussagen, dass sich kurzfristig das Gender-Sternchen durchsetzen wird. Das kann auch kontraproduktiv sein, weil sich eine ganze Reihe von Formen in verschiedenen Subkulturen herausgebildet hat, die damit auch verschwinden. Das Gender-Sternchen wird zu einer Art „Default“. Viele sagen „das ist jetzt mal eine Form, die wir durchsetzen können“. Aber allein das hat schon dazu beigetragen, dass darüber gesprochen wird, was dahintersteckt und was damit erreicht werden soll. Und das ist das einzig Wichtige aus meiner Sicht.

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