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Aachen: „Es geht ums Erleben, nicht um die Bilder“

Aachen : „Es geht ums Erleben, nicht um die Bilder“

Ein Spielfilm ohne einen einzigen Schnitt — das hat es so noch nicht gegeben. Sebastian Schipper hat das verrückte Experiment mit „Victoria“ gewagt und wurde in diesem Jahr auf der Berlinale für den Coup begeistert gefeiert, inklusive Silberner Bär für den Kameramann Sturla Grøvlen.

Der Film fängt eine Berliner Nacht von vier Freunden ein, die eine junge Spanierin kennenlernen, in Clubs feiern, eine Bank ausrauben und um ihr Leben rennen. Und immer ist die Kamera hautnah dabei. Bislang mussten alle Filme, die die Illusion erweckten, in einer Einstellung gedreht worden zu sein, auf Tricks zurückgreifen: Alfred Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“ (1948), Alexander Sokurows „Russian Ark“ (2002) bis hin zu Alejandro González Iñárritus „Birdman“ (2014).

Schippers „Victoria“ ist für den Deutschen Filmpreis, der am 19. Juni verliehen wird, in den Kategorien „Bester Film“ und „Regie“ nominiert. Bereits mit seinem Debüt „Absolute Giganten“ hatte Schipper 1999 für Aufsehen gesorgt. Als weiteres Kumpel-Kino präsentierte er „Ein Freund von mir“, in dem Daniel Brühl mit Jürgen Vogel begeistert das Nacktporschefahren zelebrierte. Als Kommissar Katz stand Schipper vier Mal mit Wotan Wilke Möhring im „Tatort“ vor der Kamera. Unser Mitarbeiter Günter H. Jekubzik sprach mit dem 47-jährigen Regisseur und Schauspieler.

Wieso ein Film in nur einer Aufnahme?

Schipper: Es sollte in meinem Film nicht um die Bilder gehen, sondern um das Erleben. Und aus dieser Haltung erwuchs die Idee, den Film in Realzeit, in einer Einstellung zu drehen.

Haben Sie vorher geprobt?

Schipper: Wir haben an allen 22 Sets probegedreht. Nicht durchgehend, sondern in zehnminütigen Stücken, um uns an die Strecke zu gewöhnen. Das zwölfseitige Drehbuch war nur sehr skizzenhaft. Zu einem „Bild“ ist es erst geworden, als wir gemeinsam geprobt und gearbeitet haben.

Sie haben den Film dreimal gedreht. Wie hektisch ist die Atmosphäre beim ersten Durchlauf?

Schipper: Da liegt schon eine gewisse Spannung in der Luft, zumal es kein Referenz-Projekt gibt, an dem man sich hätte orientieren können. Vor dem ersten Durchlauf waren alle aufgeregt, weil eben keiner letztlich wusste, wohin das führt. In der ersten Version wurde entsprechend noch ziemlich auf Nummer sicher gespielt — was dem Film aber nicht guttut. Die notwendige Lebendigkeit entstand erst beim zweiten und dritten Durchlauf.

Mit welchen Pannen hatten Sie zu kämpfen?

Schipper: Beim dritten Durchlauf haben wir uns auf der Flucht aus der Bank verfahren und sind aus Versehen in die Einfahrt eingebogen, in der schon das ganze SEK-Team und die Krankenwagen für die nächste Szene bereitstanden, die aber erst eine halbe Stunde später geplant war. Für einen Moment brach damit echt das Chaos aus — was dem Film an der Stelle allerdings sehr gut tut.

Würden Sie das noch einmal machen: alles auf eine Karte, also einen Take, setzen?

Schipper: Filmemachen ist immer sehr, sehr aufregend. Es geht um ganz viel. Aber diesmal hätte alles auch extrem nach hinten losgehen können. Deswegen: Ich werde auf keinen Fall wieder einen One-Take-Film drehen. Gleichzeitig denke ich viel drüber nach, wie man eine solche Gruppenenergie erhalten kann. Also: einen Film heiß kochen und nicht über Jahre entwickeln, wo immer wieder Bedenkenträger aufkommen.

Bedenkenträger?

Schipper: Beim Kino, bei dem es um so viel Geld geht, ist das Bedenkenträgertum sehr ausgeprägt. Es wird viel verschlimmbessert. Weil ganz viele mitreden und dadurch etwas Lauwarmes entsteht. Kino ist für mich aber etwas Überbordendes, Großes, etwas, das gerne auch mal am Rande zum Wahnsinn stattfinden darf.

Hätte „Victoria“ auch in einer anderen Stadt als Berlin gedreht werden können?

Schipper: Er spielt halt hier, aber er ist für mich viel mehr ein Film über junge Leute heute in Europa. Ihre Chancen und Sorgen, ihr Humor, ihr Wahnsinn, ihr Wille, ihre Solidarität. Hinzu kommt, dass das Leben in Berlin eher auf der Straße stattfindet. Die Begegnung von Leuten, das ist in dieser Stadt viel wichtiger als für andere Städte.

Was haben Sie von Ihrer Arbeit beim „Tatort“ für eigene Projekte mitgenommen?

Schipper: Wenn ich beim „Tatort“ etwas gelernt habe, dann, dass man radikaler werden muss. Bis ich da ausgestiegen bin, hab ich schon versucht, mal etwas auszuprobieren. Doch das Interesse ist da sehr gering. Wenn die Quote stimmt, wird das halt so gemacht, wie es immer gemacht wird. Das ist wie bei den amerikanischen Autobauern, die über Jahrzehnte SUVs gebaut haben, weil sie gesagt haben, die Kunden wollen das. Jetzt sind sie total hintendran. Daran kann man gut erkennen, dass man innovativ sein muss.

Ich finde, man hat die Verpflichtung, etwas zu riskieren. Bei „Victoria“ haben wir uns kein bisschen darum geschert, ob das „die Leute verstehen“. Das war uns total egal. Ich habe es wahnsinnig genossen, mit Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller für den „Tatort“ zu drehen, wir waren ein gutes Team. Aber so hat mir das keinen Spaß gemacht. Wenn man dann merkt, dass man nicht mehr alles geben kann, dann muss man es ändern oder gehen.

Was bedeuten die Nominierungen für den Deutschen Filmpreis?

Schipper: Das ist der Hammer. Die Nominierungen kommen ja nicht von irgendeinem Gremium, sondern von den Leuten, die hier Kino machen. Das bedeutet mir ganz viel, weil es die Reaktionen wiedergibt, die ich von den Kollegen bekomme.