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Düsseldorf: Es geht immer noch ein bisschen schriller

Düsseldorf : Es geht immer noch ein bisschen schriller

Etliche wirklich gut und einige extravagant gekleidete Menschen haben sich zur Uraufführungs-Premiere der Mode- Oper „The Fashion” im Düsseldorfer Opernhaus eingefunden.

Schließlich ist eine Idee bei diesem aufwändigen Projekt, dass sich die Landeshauptstadt als Modestadt auch in der Hochkultur hervortue.

So jedenfalls der Ansatz des im übernächsten Jahr scheidenden Rheinoper-Intendanten Tobias Richter, der das alles in Auftrag gegeben hat. Er hat auch die Idee durchgesetzt, zu diesem Zwecke etwas recht Durchgeknalltes erfinden zu lassen.

Deshalb ist der britische Comedy-Schauspieler Bob Goody mit der Erstellung des Librettos beauftragt worden. Und der hat eine gute Portion Monty-Python-Humor in eine Geschichte gerührt, die als modernes Aschenputtelmärchen gelten kann. Für die Musik ist der in Düsseldorf bestens bekannte und geschätzte italienische Komponist Giorgio Battistelli gewonnen worden.

Der hatte sich im Vorfeld der Premiere über die Ironie in der zeitgenössischen Musik als eine „Große Abwesende” geäußert - und dann einen wahren Berg an Noten geschrieben, um dem ein Ende zu bereiten. Mit 20000 Euro schob der Fonds Neues Musiktheater das ehrgeizige Projekt an.

Nach der Premiere ist man um ein Erlebnis reicher. Festzustellen bleibt: All die gut und teuer angezogenen Menschen im Parkett wissen jetzt: In der Modeszene wimmelt es von Tunten, Egomanen, Sexbesessenen, Speichelleckern und Dummköpfen. Und in Sachen Klamotten geht es immer noch schriller.

Roter Teppich

Wir zählen einmal auf, was Regisseur Michael Simon an Typen auf die Bühne bringt: Zunächst ein knappes Dutzend wirklicher Models, die zunächst hauptsächlich ihr Fleisch (dann aber doch relativ züchtig) zu Markte tragen, später in Glitzerfummeln verrücktester Form und Farbigkeit über eine bühnenfüllende rote Treppe paradieren. Als auch in Kostüm köstlich übercharakterisiert wuseln zwei Klatschreporter durch die Szene, dazu eine in scheußlichem Pink und Giftgrün kommandierende Stylistin, ein schwuchteliger Modeveranstalter und Maria Maria, die hyperemotionale Star-Designerin. Kostümbildner Stephen Galloway hat sich ausgetobt.

Und die Bühne ist auch nicht ohne: Michael Simon, der sich gern selbst zitiert, stellt eine Hotelhalle mit riesig roter Treppe, einen Laufsteg und ein Loft auf Stelzen auf die neue Drehbühne und wirbelt, was die Schalter hergeben. Sogar ein „singender Aufzug” ist aufgeboten, dessen Partie ein Countertenor übernimmt. Überhaupt wird bei all dem Klamauk kräftig gesungen, wir sind ja in der Oper.

Das ist im Übrigen zum großen Teil ganz ausgezeichnet, schließlich sind zeitgenössische Partien meist höllisch schwer. Jeanne Piland als Maria Maria führt ihren Mezzo ganz kostbar durch die Extreme; „Aschenputtel” Kristen Leich als vom Zimmermädchen zum männlichen (!) Starmodel gewandelte Meli/Mel singt wunderbar präzise. Auch ihr Lover Max, der nach Melis Geschlechtsverwandlung an seinen sexuellen Neigungen zweifelt, wird von Bariton Günes Gürle bestens verkörpert. Dazu birst die Musik vor Ausdruckswillen. GMD John Fiore und seine Symphoniker müssen immer wieder kolossale Abstürze intonieren: rauschende, in die Tiefe strudelnde Klangtrauben.

Viel Schlagwerk

Um im nächsten Moment im Walzertakt zu enteilen oder mit großem Schlagwerkaufgebot abzurocken. Battistelli lässt Strawinsky anklingen oder Rossinis Kehraus-Schnurrerei. In die große Modenschau furzt nach Herzenslust die Tuba, gegen Ende, wenn´s auf die Bloodbath-Collection hinausläuft, schimmert zart ein Dur-Dreiklang durch. Nach 75 Minuten ist die Oper aus, da machen Bow und Scrape, die famosen Buckel- und Kratzfuß-Tunten, immer noch ihre allgegenwärtigen Späßchen. Es ist dann aber auch gut.