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Aachen: Erzieher treten gegen Basteltanten-Image an

Aachen : Erzieher treten gegen Basteltanten-Image an

Ganz schön geschockt haben Conny Zschau die Resultate der jüngsten Kultusministerkonferenz: Der Kindergarten solle mit mehr pädagogischen Angeboten die Neugier aufs Lernen wecken.

Mehr Sprachbildung, Stärkung der Persönlichkeit, Förderung von Lern- und Aufnahmevermögen, spielerisches Heranführen an mathematisches und naturwissenschaftliches Wissen. Aber auch musische und künstlerische Ziele werden in einem Rahmenplan für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen genannt.

„Bildung wird jeden Tag erlebt und gelebt”

Vorgaben, die die Leiterin der Kindertagesstätte Herz-Jesu in Aachen ziemlich in Wallung bringen: „Diese Dinge finden doch tagtäglich bei uns statt!” Sie fühlt sich und ihre Arbeit missverstanden: „Hier wird doch nicht nur gespielt und betreut, das Spiel ist die wertvollste Methode für uns, Bildung zu vermitteln, und zum Glück haben wir dazu die Möglichkeit”, wehrt Zschau sich gegen das „Basteltanten-Image”. „Das tritt jedem auf die Füße, der im Kindergarten arbeitet”, pflichtet ihr Harald Breidt bei. Er ist Fachberater für katholische Kindergärten der Stadt Aachen beim Caritasverband. „Bildung wird jeden Tag in den Kindertageseinrichtungen erlebt und gelebt. Wir können uns nur vorstellen, dass Politiker, die so etwas vorschlagen, von Unwissenheit geprägt sind. Wir sind schon seit Jahrzehnten keine Verwahranstalt mehr.”

„Das ist der Alltag, das kann ich schwer dokumentieren”

Das Thema brennt auch unter den Nägeln vieler Eltern. Gerade die, die nun schulpflichtige Kinder haben, sind verunsichert. Motto: „Wie, hat mein Kind was verpasst?” Anja Doleschek ist Mutter von zwei Kindergarten-„Schülern” und widerspricht: „Ich habe in drei Kindergartenjahren gelernt, dass jedes Jahr für sich eigene Inhalte hat, und diese Zeit brauchen die Kids auch. Die Ergebnisse sieht man an seinen Kindern, die stehen nicht in einem Ordner.” „Stimmt”, ergänzt Conny Zschau, man könne die Persönlichkeitsentwicklung nicht immer messen. „Die kann ich spüren, beobachten und fühlen. Das ist der Alltag, das kann ich schwer dokumentieren”, weiß die Erzieherin, dass es Zeugnisse wie in der Schule aus gutem Grund nicht gebe. Die Schulfähigkeit eines Kindes werde jedoch in Schubladen wie „mathematisch-logisches Denken” oder „kognitives Wissen” gesteckt.

Eines ist dabei allen klar: Trotz eingeschränkter personeller und finanzieller Bedingungen würden die Erwartungen an den Kindergarten immer größer. Michael Dautzenberg vom Trägerverband katholischer Kindergärten spricht dies an. Und Breidt stimmt zu: „Aber wenn wir es im Kindergarten schaffen, dass Kinder Spaß am Lernen entwickeln, haben wir unseren Auftrag erfüllt.”

Wichtige Dreiecksbeziehung

Ein weiterer Punkt im Rahmenplan sorgt für Diskussionen: Kinder sollten den Übergang zur Schule nicht mehr als „Bruch zwischen zwei Lebensphasen” oder als „Eintritt in eine neue Welt” empfinden. Doch gerade diesen Schritt sieht Dautzenberg als wichtige und völlig natürliche Lebenserfahrung: „Abschiednehmen ist ein Wert, der unsere Kinder prägt. Wenn man etwas Liebgewonnenes verlässt, setzt natürlich immer etwas Wehmut und Unsicherheit ein, bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen. Aber das gehört dazu.” Kindergarten, Schule und Elternhaus sollten den Kindern gemeinsam diese Ängste nehmen, weist Conny Zschau auf eine wichtige Dreiecksbeziehung hin.

Die Verzahnung von Tageseinrichtung und Schule könnte wohl noch verstärkt werden. „Das gibts zwar schon, aber nicht flächendeckend”, sagt Dautzenberg. Diskutieren über Konzeption und Praxis - wenn das der Sinn des Rahmenplans war, scheint er zumindest Denkanstöße zu liefern.