Aachen: Eröffnung des 21. Schrittmacher-Festivals mit „Moving Borders“

Aachen: Eröffnung des 21. Schrittmacher-Festivals mit „Moving Borders“

Die Straße dröhnt, drängt sich auf, wird zum Klangraum, einsam, laut, groß, dann scharfe Pfiffe von allen Seiten. Ein Tänzer bewegt sich im dämmrigen Nichts, weich, etwas verloren, mit großen Augen lauschend: Es ist wieder Schrittmacher-Zeit in der Aachener Fabrik Stahlbau Strang.

„Moving Borders“, vier jung-dynamische Männer aus Mexiko, zeigen gleich zum Auftakt der 21. Ausgabe des Festivals unter der Leitung von Rick Takvorian und Assistentin Stefanie Gerhards, was im Vordergrund steht: Modern Dance in Perfektion, neue Ideen und internationale Gäste.

Kooperationspartner sind auch diesmal Parkstad Limburgs Theaters in Heerlen, wo kurz zuvor „Black Grace“, eine Compagnie aus Neuseeland, für einen schwungvollen Auftakt gesorgt hat. Direktor Bas Schoonderwoerd gehört zusammen mit Ger Koopmans, Regionalminister der Provinz Limburg, Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp und Kulturdezernentin Susanne Schwier sowie der Bundestagsabgeordneten Ulla Schmidt (SPD) und dem Landtagsabgeordneten Karl Schultheis (SPD) zu den Premierengästen.

Welt der jungen Männer

Spannung im gewaltigen Fabrik-Ambiente von Stahlbau Strang — stimmiger Rahmen für „Moving Borders“, die mit ihrem Stück „Nosotros“, einer Choreographie ihres künstlerischen Leiters Jaciel Neri, in vier Variationen die Welt der jungen mexikanischen Männer analysieren und tänzerisch aufbereiten — heiter, bissig, beunruhigend und zugleich gefühlvoll. So bietet „Carnales“, der finale Teil des Abends, ein Bekenntnis zur unverbrüchlichen brüderlichen Freundschaft, wunderbare, männlich zärtliche Körpersprache, die dem Begriff vom klassischen Pas des Deux neue Akzente verleiht. Darin kommt zur Ruhe, was zuvor über die Bühne wirbelte.

„Moving Borders“, das sind vier tänzerische Persönlichkeiten mit Kraft, Ausstrahlung und sehr unterschiedlicher Prägung. Auf der Basis klassischer Tanzausbildung arbeiten sie mit allen Mitteln des Modern Dance. Ob Sprünge, unendlich variierte Moves aus dem Straßenmilieu des Breakdance oder pantomimische Einlagen. Da lassen sie alle gut trainierten Muskeln spielen, Zähne werden gebleckt, Augen weiten sich in lähmender Furcht, dann wieder wird gelacht und getobt. Straßenfußball — ein beliebter Zeitvertreib des mexikanischen Jugend mutiert zum Tanzthema, authentisch im Kampf, in den Slow-Motion-Szenen und beim Ringen um Tore.

Ab und zu hält es den einen oder anderen nicht auf der Bühne, wird der unmittelbare Kontakt zu verblüfften Zuschauern gesucht. Das muss nicht unbedingt sein und wirkt überdreht. Die Tanz-Fans nehmen es gutmütig mit Humor, sind aber froh, wenn der Tänzer dann wieder auf die Bühne klettert.

Jesus Eduardo Rocha Montes, Sendic Ovidio Vazquez Perez, Francisco Javier Cordova Azuela und Shanti Jakousi Vera Perez tanzen zunächst in Turnschuhen, sogar das Quietschen von Sohlen wird in die Interpretationen einbezogen und ergänzen den umfänglichen Soundtrack (Jaciel Neri, Cojunto Africa). Spielerische Attacken, Verfolgungsjagden, dann wieder Rückzug, das Verharren in Stille und Beobachtung verdichten sich zu Kernszenen wie das Überspringen der Videospiel-Leidenschaft auf die menschlichen Körper.

Tanz der Roboter, die Bewegungen sind mechanisch, die Begegnungen eckig und ferngesteuert. Mit lustvollen Quietsch-Quäk-Knarr-Geräuschen läuft eine mühsame Kommunikation ab. Die vier Tänzer agieren mit darstellerischer Perfektion und Humor. Hin und wieder hätte diesen Szenen allerdings eine Straffung gutgetan, und der lachend provozierende Blick ins Publikum sollte nicht permanent zum Applaus auffordern.

Raum für Einzelleistungen

Das Spannende an Compagnie und Choreographie sind die rasanten Wechsel, der Umschwung von spaßiger Aktion zu unheimlicher Bedrohung. Dabei zeigen sich die Tänzer stark aufeinander konzentriert, reagieren auf kleinste Regung ihres Gegenübers, lassen Raum für Einzelleistungen. Bei „Lucha Libre“, einer energiegeladenen Umsetzung des Free Wrestling, stürmen sie mit den typischen, längst ritualisierten Masken auf die Bühne — eine Verwandlung der inzwischen vertraut gewordenen Tänzer in brüllende Freaks und „Luchadores“, die mit der jeweiligen Maske in der Realität auch eine andere Identität einnehmen. „Lucha Libre“ ist die Bezeichnung des spanischen in Mexiko entwickelten Freistilkampfes, der auf die frühen 1930er Jahre zurückgeht.

Die charakteristische rasche Abfolge von Haltegriffen und raffinierten Manöver wird bei „Moving Borders“ zu Tanz der besonderen Art. Jaciel Neri nutzt die verstörenden Motive zu Bildern der Gewalt und Unterwerfung. Nicht selten fühlt man sich in den blitzschnell verglühenden Szenen sogar an Polizeigriffe und Foltertechniken erinnert.

Das Leben der jungen Menschen, seine Heimat Mexiko beschäftigen den Choreographen, der die eigene Karriere als Volkstänzer startete. Und so gibt es auch bei „Nosotros“ ein heiteres mexikanisches Intermezzo. Begeisterter Beifall nach 55 Minuten in der Fabrik Stahlbau Strang. Das Festival nimmt Fahrt auf.

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