1. Kultur

Hamburg: Ermittler zwischen zwei Welten: Mehmet Kurtulus neuer „Tatort”-Ermittler

Hamburg : Ermittler zwischen zwei Welten: Mehmet Kurtulus neuer „Tatort”-Ermittler

Die Unterschiede zwischen Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) und anderen „Tatort”-Kommissaren sind deutlich: Der neue Hamburger Ermittler arbeitet verdeckt, ohne Polizeirevier, ohne Gerichtsmediziner und lange Zeit in seinem Debütfall „Auf der Sonnenseite” auch ohne Leiche.

Batus einzige Verbindung zur Polizei ist sein Vorgesetzter Uwe Kohnau (gespielt vom Thalia-Theater-Mimen Peter Jordan). Dass Kurtulus mit Batu ferner den ersten türkischstämmigen Ermittler der traditionsreichen ARD-Reihe verkörpert, ist „für die Rolle an sich nebensächlich”, betont der 36-Jährige im ddp-Interview.

Kurtulus Einstand, den das Erste am Sonntag (26. Oktober) um 20.15 Uhr ausstrahlt, ist ein unkonventioneller „Tatort”. Damit installiert der verantwortliche NDR nicht nur einen ganz eigenen Typen unter den TV-Polizisten. Der Sender beschreitet zudem stilistisch wie dramaturgisch neue Wege. So taucht Batus erste Leiche erst nach gut einer Stunde auf und markiert zugleich den emotionalsten Moment in dem Film. Der verdeckte Ermittler hat allerdings nicht die Möglichkeit, zu trauern. Sein Auftrag lautet, als türkischer Kleinkrimineller Kontakt zu dem nach außen hermetisch abgeriegelten Nezrem-Clan herzustellen.

Über Deniz Nezrem (Burak Yigit) dringt Batu bis zum Familienoberhaupt Tuncay (Aykut Kayacik) durch. Dieser fungiert nach außen als Restaurantbesitzer und Gemüsegroßhändler. Hinter der Fassade steigt er zielstrebig zum Untergrundfürsten auf. Bei seinen Hochstapeleien schreckt Nezrem vor nichts zurück - nicht einmal vor dem Verrat seiner eigenen Landsleute, dem auch Deniz zum Opfer fällt. Als plötzlich der Unternehmer Petermann wieder ins Spiel kommt, für den Batu monatelang unter falscher Identität gearbeitet hat, eskaliert der Einsatz.

Regisseur Richard Huber hat den Film in klaren, intimen Bildern inszeniert und erzeugt eine konsequente Nähe zum Helden. „Es gibt nur eine Szene ohne Cenk Batu. Das ist schon fast voyeuristisch”, sagt Huber, der bereits die „Tatort”-Folgen „Stiller Tod” und „Im Alleingang” mit Kurtulus-Vorgänger Robert Atzorn drehte. Der Zuschauer wisse nie mehr als Batu, sehe alles durch seine Perspektive. „Wir begleiten ihn und nur ihn”, sagt Huber, der „nicht immer alles haarklein erklären” wollte. Manches müsse oder könne gar nicht erklärt werden - wie im Leben. Und es mache trotzdem Sinn.

NDR-Fernsehfilm-Chefin Doris Heinze, der preisgekrönte Redakteur Eric Friedler („Das Schweigen der Quandts”) und Kurtulus hatten den gemeinsamen Wunsch, etwas Neues auszuprobieren. „Wir haben die Chance bekommen, uns zwischen den Eckpfeilern der Marke frei zu bewegen”, beschreibt Kurtulus. Das Team durfte „mit dem alten Dampfer Tatort umgehen, als sei es ein Motorboot”. Auf das Ergebnis ist der 36-Jährige stolz, weil es „nahezu kompromisslos dem entspricht, was wir vor einem Jahr im Bauch hatten”.

In der umstrittenen Folge „Wem Ehre gebührt” schnupperte der Deutsch-Türke bereits 2007 an der Seite von Maria Furtwängler „Tatort”-Luft. Zuvor machte sich der Freund von Schauspielerin Désirée Nosbusch mit Kinofilmen wie „Kurz und schmerzlos”, „Nackt” und „Gegen die Wand” einen Namen.

Mit seiner neuen Rolle gelingt Kurtulus eine überzeugende und spannende „Tatort”-Premiere, die auf dem Drehbuch von Christoph Silber („Nordwand”) und Thorsten Wettcke („Ein göttlicher Job”) basiert. Batu agiert als eloquenter Solist - als Tänzer auf dem Drahtseil, der stets Gefahr läuft abzustürzen. Getrieben bewegt er sich wie ein Chamäleon zwischen zwei Welten. Dabei wird „seine emotionale Welt auch seine Arbeit beeinflussen”, kündigt er an. Ein gebrochener Mensch sei Batu aber nicht, eher ein „cooler Typ mit Gefühlsaction und Humor”.

Hinzu kommt, dass sowohl der Schauspieler als auch seine Filmfigur das Hauptaugenmerk nicht auf ihre Wurzeln legen. Seine türkische Herkunft eröffnet dem Ermittler zwar Möglichkeiten. Doch ob er dies über den ersten Fall hinaus nutze, werde Batus Polizeiarbeit ergeben, betont der selbsternannte Europäer Kurtulus. Diese ist künftig zweimal pro Jahr im Ersten zu bewundern.