Düren: Epochen und Stile in ihren Gesichtern

Düren : Epochen und Stile in ihren Gesichtern

„Ich dachte, mich trifft der Schlag“, erinnert sich Renate Goldmann an einen der denkwürdigsten Tage in ihrem Leben. So manche Überraschung hat die Direktorin des Dürener Leopold-Hoesch-Museums ja schon erlebt, wenn Kunstsammler sie gelegentlich dazu eingeladen hatten, einmal einen Blick auf ihre Schätzchen zu werfen. Doch was die erfahrene Kunsthistorikerin an diesem Tag im Jahr 2011 in Köln erlebte, verschlug ihr die Sprache.

Da lag plötzlich das versammelte „Who’s who“ der Avantgarde und der Moderne vor ihr: Max Liebermann, Max Slevogt, Lovis Corinth, Emil Nolde, Max Beckmann, Otto Dix, Erich Heckel, Oskar Kokoschka, Salvador Dalí, Rudolf Hausner, Marc Chagall, Man Ray und wie sie alle heißen. Versteckt untergebracht in zwei Räumen hinter einer unscheinbaren Garage.

Aber nicht allein die Fülle an berühmten Namen oder die völlig unverhoffte Begegnung damit überwältigte Renate Goldmann. Dass all diese Heroen der Kunstgeschichte sie auch noch anblickten, das machte sie fassungslos. Über 400 Selbstporträts von 158 Künstlern hatte Günter Frerich über Jahrzehnte zusammengetragen und hier sorgsam aufbewahrt. Alles Arbeiten auf Papier — wunderbare Originalgrafiken, Handzeichnungen und auch einige Fotografien. „Das war wie Weihnachten.“ Jetzt gehören sie dank des großzügigen und weitblickenden Sammlers dem Leopold-Hoesch-Museum, ab Sonntag wird rund die Hälfte davon zum ersten Mal ausgestellt.

Impressionismus, Expressionismus, Neue Sachlichkeit, die 60er und 70er Jahre mit Andy Warhol, Thomas Bayrle und Pit Morell, die Wiener Schule des Phantastischen Realismus — alles da. Epochen, Strömungen, Stilrichtungen in ihren Gesichtern — eine einmalige Kollektion mit Blättern, denen Günter Frerich mit dem Eifer eines Schmetterlingsfängers nachgejagt haben muss. Und mindestens ebenso einmalig dürfte die Geschichte sein, auf welchem Weg die Werke nach Düren gelangt sind.

Renate Goldmann ist ein treuer Mensch — ihre Zähne vertraut sie ausschließlich den Kölner Zahnärzten Frerich an — als Jugendliche zunächst dem Vater, Günter, später dem Sohn, Dr. Jan Frerich. Und damit fing alles an. Während einer Behandlung 2011 fragte der Doktor seine Patientin, ob sie sich nicht mal „etwas“ bei seinem Vater ansehen wolle. „Da saß ich mit offenem Mund in seinem Behandlungsstuhl“, sagt sie heute lachend. Um nicht zu riskieren, dass der Mann mit dem Bohrer womöglich in einem Moment des Unwillens nicht mehr die volle Kon-trolle über sein Instrument behielt, signalisierte sie ihm umgehend Zustimmung...

So kam es schließlich zu einem Wiedersehen mit Frerich senior in Köln. Der führte sie durch die Garage hindurch zu seinen Grafikschränken, platziert neben einem alten Zahnarztstuhl. „Soll ich Ihnen mal was zeigen? Vielleicht Beckmann?“, fragte er und zog eine der Schubladen heraus. Dabei kam nicht etwa nur ein einzelner Beckmann zum Vorschein, sondern gleich eine ganze Beckmann-Sammlung — alles Selbstporträts. Und das war nur der Anfang — das Spektrum der Namen und Zeiten reichte von Goya bis Günter Grass, und der hatte sein Selbstporträt sogar mit einer persönlichen Widmung versehen.

„Gesichter müssen auf ihn eine große Faszination ausgeübt haben“, so erklärt sich die Museumsdirektorin die stille Leidenschaft des Sammlers, sein Rieseninteresse für Physiognomien. Eigentlich kein Wunder: Schließlich war es für ihn als Zahnarzt jahrzehntelang Praxis, von morgens bis abends in Gesichter zu blicken. „Von Erleichterung bis Schmerz sah er alles.“

82 Jahre alt war Günter Frerich, als Renate Goldmann ihn wiedertraf. Über die Zukunft der Sammlung und den Verbleib zu sprechen, das lag nahe. Auktion? Schenkung oder Dauerleihgabe an ein großes Haus? Beide Alternativen wären gleichbedeutend gewesen: „Sein Lebenswerk wäre entweder auseinandergerissen worden oder zum Teil in der Versenkung eines Depots verschwunden.“ Allein: Im Dürener Leopold-Hoesch-Museum und dem Papiermuseum würde die Sammlung Frerich herrlich in die Bestände passen und einen überragenden neuen Schwerpunkt bilden — mit allem wissenschaftlichen Pipapo. Natürlich galt es zunächst, die Familie zu fragen — die drei Söhne, alle sind Ärzte, waren einverstanden. „Er sah sich unser Haus an und war begeistert.“ Die Sammlung übergab er dem Leopold-Hoesch-Museum als Schenkung — ohne Wenn und Aber.

Leider nahm die schöne Geschichte ein betrübliches Ende: Günter Frerich ist in diesem Jahr gestorben. „Er war so ein bescheidener Mensch“, erinnert sich Renate Goldmann voller Dankbarkeit. „Ein Sammlermäzen, kein Profiteur.“

Das Vermächtnis lebt in Düren weiter. Mit Unterstützung des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) wurden die Werke wissenschaftlich aufgearbeitet, ein umfangreicher Katalog ist entstanden, und Museumspädagogin Jeannine Bruno hat ein umfassendes Konzept einer begleitenden Vermittlung erarbeitet, die sich vor allem an Schüler richtet. „Hier hat man jetzt die seltene Möglichkeit, die ganze Vielfalt an Techniken und Stilen zu studieren“, sagt sie und bietet Lehrern eine persönliche Beratung und Information über Workshops, das Führungsprogramm und spezielle Vermittlungspakete an. (Kontakt unter: Telefon 02421/252594 oder j.bruno@ dueren.de)

Mehr von Aachener Zeitung