Elisabeth Ebeling vom Theater Aachen feiert goldenes Bühnenjubiläum

Theater Aachen : Elisabeth Ebeling steht seit 50 Jahren auf den Bühnenbrettern

Rund 200 Frauenfiguren hat sie verkörpert, mit Regisseuren wie Rainer Werner Fassbinder und Klaus Michael Grüber gearbeitet: Schauspielerin Elisabeth Ebeling kann viel erzählen.

Eine von Elisabeth Ebelings wichtigsten Stärken: Sie kann Schwächen zugeben und beschönigt nichts. „Kurz vor einem Auftritt bin ich einsam, so einsam, das kann man nicht beschreiben“, sagt die 72-jährige Schauspielerin, die seit der Saison 2005/2006 zum Ensemble des Aachener Theaters gehört. Bei Friedrich Hebbels „Nibelungen“ ahnt sie zurzeit als Königin Uta das Unheil. Ihre Stimme ist markant, der Blick direkt und kritisch. Darin ist sie geübt, denn Elisabeth Ebeling ist seit 50 Jahren auf den Brettern, die die Welt bedeuten, unterwegs, hat rund 200 Frauengestalten jeden Alters verkörpert.

Das goldene Bühnenjubiläum wird am kommenden Donnerstag, 16. Mai, im Spiegelfoyer des Aachener Theaters bei „Melinas Nacht“ gefeiert – nach der „Nibelungen“-Aufführung. Gäste sind willkommen, das Ensemble hat Überraschungen parat – szenisch wie musikalisch. Die Schauspielerin, die so selbstsicher wirkt, reagiert zurückhaltend, wenn man sie zum Erzählen auffordert. Natürlich plaudert sie doch, dreht gerührt die Fotos von der jungen Elisabeth in den Händen, ein Programm aus den 70er Jahren: „Mädchen in Uniform“ in Bochum. Sie war eine der rebellischen Teenager, neben ihr Beatrice Richter und Marie-Luise Marjan. Bei Elisabeth Ebeling tauchen solche Details eher in Nebensätzen auf. „Nicht wichtig“, sagt die Schauspielerin mit einem Lächeln, doch das Funkeln im Blick ist unübersehbar.

Berufsziel: Clown oder Marktschreier

Sie stammt aus Niedersachsen, wurde in Isernhagen geboren, hatte Bruder und Schwester. Die musische Mama nahm die Tochter mit ins Kino, zum Zirkus, auf den Jahrmarkt und in die Oper – da war Elisabeth vier Jahre alt. „Ich kann mich erinnern, dass ich zeitweise als tapferes Schneiderlein nur noch auf dem Tisch sitzen wollte, Clown oder Marktschreier als Berufsziel hatte.“ Die Mutter starb früh, doch sie hat den Funken entzündet, der im 50. Bühnenjahr weiterhin glüht: die Lust auf Theater, auf das Spiel vor Publikum, auf das Ringen mit Rollen.

Der Entschluss, Schauspielerin zu werden, stieß bei der Familie – der Vater war Ingenieur – auf Widerstand. Als sie endlich die Zustimmung hatte, musste es die Hochschule für Musik und Theater in Hannover sein. „Damit sie mich unter Kontrolle behielten“, grollt sie noch heute. „Ich wollte nach Berlin.“ In dieser Zeit, in der sie Fächer wie Sprecherziehung, Rollenarbeit, Fechten, Tanz und Akrobatik absolvierte, gab es daheim oft Ärger. „Man wurde in der Schule in dem bestärkt, was man ist! Das zeigte Wirkung“, berichtet sie. „Wir haben das richtige Atmen gelernt, und das hat mich frei gemacht.“

In den deutschen Theatern gärte es 1968/69, man suchte nach neuen Formen, diskutierte, forderte Mitbestimmungskonzepte. Regisseure wie Peter Zadek und Rainer Werner Fassbinder faszinierten die jungen Schauspieler. In Bremen inszenierte Peter Stein. „Aber es funktioniert am Theater nicht ohne Hierarchie“, stellte Elisabeth Ebeling fest. Sie fiel auf und überzeugte. „Ich war ganz schön frech. Wenn ich hörte, wie es die anderen machten, war ich überzeugt, dass ich es besser konnte“, erzählt sie.

Als Anfängerin errang sie einen Drei-Jahres-Vertrag für Bremen, das war ungewöhnlich. Der unkonventionelle Regisseur Klaus Michael Grüber gehörte zu ihren Förderern. „Er war für mich sehr wichtig, weil er in großen Bildern dachte.“ Grüber brachte die Oper „Wozzeck“ von Alban Berg auf die Bühne. „Er besetzte Tambourmajor, Wozzeck und Marie doppelt, ich war die sprechende Marie. Die Sängerin hatte ein Abendkleid aus blauem Samt, ich trug einen schwarzen Unterrock, Strapse, und meine langen Haare waren offen.“

Und Rainer Werner Fassbinder kam. In der Inszenierung des Stücks „Pioniere in Ingoldstadt“ von Marieluise Fleißer erhielt sie die Hauptrolle der Berta, die später in Fassbinders Verfilmung Hanna Schygulla spielen sollte. Als Elisabeth Ebelings Partner dauernd angetrunken zur Probe wankte, übernahm Fassbinder persönlich die Rolle. Alles lief bestens.

Bochum, Köln, Frankfurt, Berliner Ensemble, Ernst-Deutsch-Theater Hamburg, ein Abstecher in die Schweiz nach Luzern, Aachen – die Erfahrungen waren vielfältig, mal beglückend, mal bitter, stets prägend. Elisabeth Ebeling zitiert noch immer spontan und textsicher, schildert detailgenau Bühnenbilder, weiß, wo ihr mulmig war und wo sie sich großartig fühlte. „Man war dauernd mit anderen zusammen, aber Freundschaften lassen sich am Theater nur schwer knüpfen“, meint sie. Einsam? Nein. Allein? Gern.

Den Jüngeren rät sie, beim Einstieg in diesen Beruf psychologische Begleitung zu nutzen, bevor sich später tief sitzende Ängste und Phobien bemerkbar machen, denn der Schauspieler arbeitet mit Körper und Seele. Das Älterwerden nimmt sie aufrecht an. Nur manchmal nicht: „Da gibt es Rollen, die werde ich nie spielen“, sagt sie. „Das schmerzt.“