Musical „Lazarus“ im Theater Aachen: Einfach nicht von dieser Welt

Musical „Lazarus“ im Theater Aachen : Einfach nicht von dieser Welt

Was macht ein unsterblicher Außerirdischer, der auf der Erde festsitzt? Im Fall von Thomas Newton, zentrale Figur in David Bowies Musical „Lazarus“, vegetiert er halluzinierend in seiner Wohnung vor sich hin, ertränkt den Kummer in Gin und löffelt Frühstücksflocken.

Mit dem irischen Dramatiker Enda Walsh schrieb der 2016 gestorbene Ausnahmekünstler eine Fortsetzung von Nicolas Roegs Films „Der Mann, der vom Himmel fiel“. Darin verkörperte Bowie Mitte der 1970er Jahre eben jenen Thomas Newton, der zur Erde reist, um Wasser für seinen verdorrenden Heimatplaneten zu beschaffen.

Christian von Treskow hat „Lazarus“ am Theater Aachen als kreativen Fiebertraum inszeniert, der die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit auslotet. So gibt es die Vorlage her: Letztlich geschieht alles nur im Kopf von Newton, diesem melancholischen Wandler zwischen den Welten.

Die zehn Darsteller spielen und singen vor einer halbrunden Wand aus beigen, großflächigen Polstern (Bühne und Kostüm: Sandra Linde und Dorien Thomson). Abgesehen von den neun eingebauten Türen gleicht die gepolsterte Fläche der Gummizelle, in die Bowie im Video zu seinem Hit „Ashes to ashes“ gesperrt ist. Auch ein Behandlungsstuhl findet sich darin. Der steht auch mitten auf dem achteckigen Podest auf der Aachener Bühne. Mal fläzt sich Newton (Benedikt Voellmy) darauf, mal rollt er sich dort gequält hin und her.

Zu Beginn hockt Voellmy am vorderen Rand des Podests. Ein Glas Gin in der Hand, den Oberkörper unnatürlich gerade aufgerichtet. Er trägt einen dunkelblauen Anzug mit kurzer Jacke und dicken Schulterpolstern, darunter ein weißes Hemd. Eine ungebundene Fliege baumelt um seinen Hals. Traurig und gleichzeitig erstaunt gleitet sein Blick in eine unbestimmte Ferne. Dieses blasse, schmale, feingliedrige Wesen mit akkuratem Mittelscheitel in den orangefarbenen Haaren sehnt sich nach einer anderen Welt. In der Rolle des Newton, eines von Bowies vielen Alter Egos, liefert der Schauspieler auch gesanglich eine starke Leistung ab.

Dass er dabei manchmal wie Bowie klingt, etwa im titelgebenden Song „Lazarus“ oder in der Berlin-Ballade „Where are we now?“, ist ein Bonus. Mehr aber auch nicht. Denn wer möglichst originalgetreue Coverversionen der größten Hits erwartet, verliert schnell den Blick für liebevolle Interpretationen, die dieser Abend zu bieten hat. Neben Voellmy überzeugt stimmlich vor allem die Sopranistin Soetkin Elbers. Als Mädchen, wie die Figur in der Vorlage schlicht heißt, stakst sie linkisch im schwarz-weißen Minikleid mit silbernen Nieten über die Bühne, reißt staunend die Augen auf und lässt keinen Zweifel daran, dass auch sie nicht von dieser Welt ist.

Akrobatisches meistert Alexander Wanat als zynischer Serienkiller Valentine. Darstellerisch ist es die interessanteste Rolle des Stücks, dessen Figuren sich mangels fehlender Handlung nur schwer greifen lassen. Feixend springt Wanat auf der Bühne umher, balanciert in einem opulenten Reifrock mit Nadelstreifen über den Behandlungsstuhl und das Podest. Bei seinem Solo „Valentine’s day“ schwebt er im gleichen ausladenden Gewand in einer Schaukel über Newtons Kopf – das Mikrofon in der linken und einen durchsichtigen Luftballon in der rechten Hand.

Viel Glitter und Glamour

Stefanie Rösner wandelt sich von Newtons adretter Haushälterin Elly im rosafarbenen Doris-Day-Look dank knallig gelbem Overalls mit schwarzen Nähten, pinken Glitzerpumps und blauer Perücke in eine Discoqueen der 1980er Jahre. Bei den Kostümen haben Sandra Linde und Dorien Thomsen aus dem reichhaltigen Bowie-Kosmos geschöpft. Schrille Farben, gewagte Schnitte, Muster, Stoffe, viel Glitter und Glamour. Es wimmelt von spektakulären Outfits, in die vor allem Benedikt Voellmy schlüpft. So schiebt er sich etwa in einem Einteiler mit glockenförmig aufgeplusterten Beinen über die Bühne, der an den Vinyl-Anzug Bowies auf seiner „Aladdin-Sane-Tour“ erinnert. Elly singt derweil mit Petya Alabozova (Teenage Girl 1), Nele Swanton (Teenage Girl 2) und Luana Bellinghausen (Teenage Girl 3) im Background „Changes“. Die drei Teenage Girls fesseln Newton in einer Szene mit Silikonschläuchen an den gelben Behandlungsstuhl und verpassen ihm Stromschläge. Wieder lässt das Musikvideo „Ashes to ashes“ grüßen.

Die Band unter der Leitung von Malcom Kemp (Philipp Ullrich, Samuel Reissen, Uwe Böttcher, Moritz Schippers, Tim Daemen, Boris Bansbach) spielt Bowies Lieder mit sichtlicher Freude. Zu beobachten ist das durch die transparenten, rechteckigen Flächen im oberen Teil der halbrunden Polsterwand hindurch. Leider übertönt die Musik zuweilen den Gesang, so dass einige Darsteller dagegen anbrüllen müssen. Eher zu verzeihen ist da schon, dass beim Singen der eine oder andere Ton nicht getroffen wird. Schließlich ist von den Darstellern nur Soetkin Elbers ausgebildete Sängerin.

Zur Zugabe stehen noch einmal alle Darsteller auf der Bühne. Sie singen den Bowie-Song „Starman“, tanzen und feiern. Das Hoch nach dem stehenden Applaus und den anerkennenden Pfiffen ist ihnen anzumerken. Die Premiere ist geglückt. Den weiteren Aufführungen sind viele Besucher zu wünschen.