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Alsdorf: Einfach mal anfangen, es wird schon was

Alsdorf : Einfach mal anfangen, es wird schon was

Die Männer tragen Laptop und Kontrabass, die Frauen gelbe Gummistiefel. So stehen sie im Halbkreis am Rande einer großen Pfütze. Hinter ihnen ein verfallener Klinkerbau, der einst als Fördermaschinenhaus diente; über ihnen graue Wolken, die schwer wie nasse Watte am Himmel hängen. Kalter Wind weht über die Industriebrache. „Brrr”, sagt eine der Frauen und schüttelt sich.

„Schön die Stiefel vorzeigen”

Es eine skurrile Szene, die Dieter Bartel mit der Kamera einfängt. Letztlich wird es darum gehen, die vier Frierenden an der Pfütze zum Bestandteil einer DVD zu machen. Eine, mit der Annette Schmidt, Anush Manukian, Uwe Böttcher und Heribert Leuchter ihr neues Projekt vorstellen können. Gemeinsam wollen sie eine eigene Produktion auf die Bühne bringen.

„Dichterknöpfe” haben sie das Projekt genannt, ein harmonisches Zusammenspiel von Wort, Spiel, Musik und Klangfarben anlässlich des 75. Geburtstages von Sarah Kirsch. „Ohne die klassische Trennung zwischen Musik und Text”, sagt Leuchter. Es soll eine szenische Mixtur aus Gedichten, Musik und vertonten Gedichten werden. „Kernkomponenten” nennt Heribert Leuchter diese Elemente.

Auf die Elemente hat sich das Ensemble früh festgelegt. Alles, was dazwischen liegt, gilt es noch zu füllen. Geprobt wird seit etwa drei Wochen. Ein sehr dynamischer Prozess, wie Leuchter sagt: „Wir haben eine literarische Vorlage, ein Stück gibt es aber noch nicht. Wir sind schöpferisch tätig.” Falls erforderlich, werde noch zwei Tage vor der Premiere umgeplant. Die ist fest terminiert: 23. April in der Mulde des Aachener Ludwig Forums.

Auf der Bühne stehen die Musiker und Schauspieler schon jetzt. Auf der des Fördermaschinenhauses. Dort spielt die Szene am Rande der Pfütze. Kameramann Bartel gibt Regieanweisungen.

„Und jetzt schön die Gummistiefel vorzeigen”, ruft er. Dann läuft die Kamera. Uwe Böttcher bedient mit roboterhaften Bewegungen den Kontrabass, die anderen sind darauf konzentriert, ihren Gesichtern möglichst große Ausdrucksleere zu verleihen.

Die Musik kommt vom Band, 20 Stunden hat Leuchter an den Playbacks gewerkelt, sie mit den anderen eingesungen und -gespielt. Das alles, damit die DVD den Eindruck vermittelt, das Stück sei längst fertigt. „Wir zäumen das Pferd von hinten auf”, sagt Leuchter.

Die Idee mit der DVD kam dem Ensemble, als ihm bewusst wurde, dass die Produktion, die sie planen, anderen schwer zu beschreiben ist. Die Sprache der DVD wird eindeutig sein, sie soll einen lebendigen Eindruck vermitteln und letztlich dazu führen, dass „Dichterknöpfe” möglichst oft aufgeführt wird.

Nicht nur in Aachen soll die Produktion auf die Bühne kommen, sondern an vielen Orten der Städteregion. Deswegen wird die DVD allen potenziellen Veranstaltern zugeschickt. Haben die Interesse, werden die Konditionen verhandelt: Was bekommt das Ensemble? Was für ein Eintrittspreis wird verlangt?

Die Prosa der Produktion

Für die Künstler stellt sich die Kostenfrage schon viel früher. „Dichterknöpfe” ist keine Auftragsarbeit, deshalb müssen Leuchter und die Kollegen finanziell in Vorleistung gehen. Materialien, Werbekosten, DVD-Produktion: Das alles muss bezahlt werden. „Da ist man schon bei einigen tausend Euro”, sagt Leuchter.

Die eigene Arbeitsleistung stellen Schauspieler, Musiker, Grafiker und Kameramann dabei gar nicht in Rechnung. Leuchter formuliert es so: „Hier sind sechs Leute schöpferisch tätig, ohne dass ein Cent geflossen ist.” Und ja, „Dichterknöpfe” sei für die, die es auf die Bühne bringen, ein unternehmerisches Risiko.

Aus Heribert Leuchter spricht wohl auch die Erfahrung, wenn er sagt, dass freie Künstler mit diesem Risiko eben Leben müssen. Um so größer seien die Anstrengungen, das Produkt so attraktiv wie möglich zu machen. „Man geht ja immer optimistisch an die Sache ran. Sonst würden viele solcher Sachen gar nicht entstehen”, sagt der Musiker. Die Entscheidung, die Produktion auf möglichst vielen Bühnen zu zeigen, ist nicht nur eine künstlerische, sondern auch eine wirtschaftliche. Denn mit einer Aufführung allein ist es nahezu unmöglich, die investierte Summe wieder einzuspielen. Nicht zuletzt brauchen (freie) Künstler auch einen finanzielles Fundament, auf dem das folgende Projekt fußen kann.

Bei dem ist es dann wieder genauso wie bei „Dichterknöpfe”: Ganz am Anfang steht die Idee. Im Falle der aktuellen Produktion entstand sie im kreativen Zusammenspiel zwischen Annette Schmidt und Heribert Leuchter. Der sagt: „Wir haben einfach ein bisschen rumgesponnen.”

Mit den zwölf Gedichten, die sie sich aus Kirschs Werk aussuchten, wurde die Sache konkreter. Dann galt es, die passende Musik dazu zu finden, und zwischenzeitlich kamen Schmidt und Leuchter zu der Einsicht, dass ihre Hommage an die Dichterin von einem weiteren Musiker und einer weiteren Darstellerin profitieren würde. Also wurden Uwe Böttcher und Anush Manukian ins Boot geholt. Auch Kooperationspartner ließen sich vom Projekt überzeugen, unter anderem der Kulturbetrieb der Stadt Aachen und der Zeitungsverlag Aachen. „Wir wünschen uns ja alle, dass Dinge aus Aachen auch über die Stadtgrenzen hinaus sichtbarer werden”, sagt Leuchter.

Nicht verborgen bleiben soll auf der DVD auch die Prosa der Produktion. „Sonst denken die Leute, wir machen ein Musical”, ruft Annette Schmidt. Kameramann Bartel nickt und sagt: „Wir haben draußen gerade noch schönes Licht.” Dann wird im Fördermaschinenhaus der Vorhang hochgezogen.