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Aachen: „Eines langen Tages Reise in die Nacht“: Premiere im Grenzlandtheater

Aachen : „Eines langen Tages Reise in die Nacht“: Premiere im Grenzlandtheater

Ja, ja, das ist schon bewegend. Vier Menschen, jeder gefangen in persönlichen Vorstellungen vom Leben, in gescheiterten Träumen und nie eingestandenen Enttäuschungen, und doch bleiben sie beisammen — um sich zu quälen, um vom eigenen Versagen abzulenken, weil sie nichts anderes können, weil sie nichts anderes haben.

Regisseur Ulrich Wiggers, der das Schauspiel „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ von Eugene O’Neill für das Grenzlandtheater Aachen inszeniert hat, will die Essenz des Stücks in eine Gegenwart übertragen, die eher von Aktionen geprägt ist.

Kann man heute noch nachempfinden, was der in New York geborene Sohn eines Schauspielerehepaars in der Familie Tyrone beschrieben hat? Das Stück, 1956 uraufgeführt, trägt immerhin deutlich autobiografische Züge O‘Neills, das Muster eines Leidens, einer Form von Ausgeliefertsein: James Tyrone, der einst erfolgreiche Schauspieler, tyrannisiert seine Familie mit Geiz und Eitelkeit, Ehefrau Mary flüchtet sich in Morphiumnebel, Sohn James trinkt, der andere Sohn, Edmund, ein Feingeist, erkrankt an Schwindsucht.

Dunkles Quergestänge

Im massiv durch dunkles Quergestänge geprägten, eindrucksvollen Bühnenbild von Leif-Erik Heine, der auch für Kostüme verantwortlich ist, wird das Leben der Akteure gebündelt, beschränkt und gequetscht — je nach deren Möglichkeit, sich darin zu bewegen, zu klettern, zu verweilen. Dominiert wird der Raum vom übermächtigen, finsteren Porträt des Vaters. Überall liegen und stehen Whiskyflaschen herum. Die Sucht, sich zu betäuben, ist allgegenwärtig.

Nie geht jemand von der Bühne. Wer in einer Szene nicht gefragt ist, erstarrt im Gestänge wie eine alte Puppe. Denn in den Gedanken der anderen ist jeder einzelne stets zwanghaft präsent. Und doch treten bald Phasen der Langeweile auf, fragt man sich, warum das eigentlich zwischen den Tyrones nicht klappt. Vielleicht sind sie jenseits der Ausraster einfach zu nett z einander.

Dabei hat Wiggers ein Team aus wirklich guten Darstellern zur Verfügung. Bernd Reheuser ist ein spitzfindiger, zutiefst frustrierter, schmallippiger James, bei dem ein paar Stichworte genügen, damit er seine Umgebung verbal mit dem Skalpell seziert und dabei kein Klischee, keine Verletzung auslässt. Schön zeigt Eva Scheurer als Ehefrau Mary, dass der Prozess des Zusammenbruchs, der inneren Emigration oft sehr früh und völlig unbemerkt beginnt — dann aber nicht mehr umkehrbar ist.

Pablo Sprungala ist als Sohn James ein facettenreicher Charakter, stark in den Wünschen, schwach in den Entschlüssen, ein verzweifelter Mensch, der sich nach Vater und tröstender Mutter sehnt — das ist die Falle, aus der er sich nicht befreien kann. Empfindsam Janosch Maier als schwindsüchtiger und dennoch erstaunlich entschlossener Edmund, bei dem man die unentdeckten Talente erkennt und bedauert, dass er sich durch ein vermutlich nicht mehr langes Leben husten und keuchen muss.

Da sind sie nun und zeigen den Zuschauern „Eines langen Tages Reise in die Nacht“, wobei man diese von O’Neill gewählte Zeitspanne kaum noch empfindet. Wiggers führt die Personen zusammen, es kommt zur jeweiligen Reaktion, zu Tränen oder zum Ringen um ein morbides Lebensprinzip. Es ist von Anfang an klar, dass niemand etwas lernen will oder den anderen wahrnehmen wird.

Sohn trinkt mit Vater

Dann trennt Wiggers die Personen wieder und schickt sie in die Stangen-Wände. Da sind Mann und Frau ganz nett miteinander, zeigen die Söhne eine fast infantile Hinwendung zur Mama, die trotzdem lieber zur Spritze greift. Sohn trinkt mit Vater, Bruder umarmt Bruder, die verwirrte Mutter, die zum Schluss in Unterkleid und ohne Perücke dasteht, wird gemeinschaftlich bekleidet.

Zwischendurch ist Reheuser als James Tyrone richtig fies, Pablo Sprungala als Sohn James aggressiv und Mary nervig verträumt. Doch irgendwie ist ja jeder am Unglück des anderen schuld. Da lösen diese Gedanken einander auf und verschwinden im feuchten Nebel, von dem hin und wieder die Rede ist. Im Schlussbild sitzen sie alle vier beieinander und schauen blicklos in die Zukunft. Das ist es, was O’Neill deprimiert und was bis heute Geltung behält: Niemand lernt tatsächlich etwas aus seinem Unglück, wenn er stets anderen die Verantwortung zuschiebt.

Viel Beifall für eine konzentrierte Ensemble-Leistung. Der Abend — ohne Pause — ist etwas anstrengend.