Interview mit Guido Hitze: Eine Ruhmeshalle im Haus der Geschichte

Interview mit Guido Hitze : Eine Ruhmeshalle im Haus der Geschichte

Am 18. Januar 2018 hat der Landtag beschlossen, eine Planungsgruppe einzusetzen, um ein Haus der Geschichte für NRW einzurichten. Deren Leiter wurde der Historiker und Politikwissenschaftler Guido Hitze, Experte für den politischen Katholizismus in der Weimarer Zeit und und für die Landesgeschichte Schlesiens und NRW.

Schon im Jahr 2011 stand unter Landtagspräsident Uhlenberg das Museums-Projekt kurz auf der Tagesordnung, verschwand aber sofort mit der Neuwahl des Landtags von 2012. Helga Meister sprach mit Guido Hitze in seinem Büro in der Düsseldorfer Villa Horion.

Herr Hitze, Sie haben mit einem dicken Wälzer über Carl Ulitzka promoviert, der sich gleich nach der Gründung in der CDU für die Belange seiner heimatvertriebenen Landsleute einsetzte. Anschließend schrieben Sie in drei Bänden über die „Verlorenen Jahre der CDU zwischen 1975 und 1995 in NRW“.  Das alles hört sich sehr CDU-lastig an?

Guido Hitze: Mein wissenschaftliches Projekt war die erste auf Quellen gestützte Aufarbeitung der Ära Rau. Bei Johannes Rau gibt es ja noch keine Gesamtdarstellungen, weil die Quellen lange Zeit noch nicht einsehbar waren. Ich bekam Sondergenehmigungen, konnte in viele Archive gehen und die Bestände bis in die Gegenwart einsehen. Die ganze Landes- und Parteiengeschichte dieser Jahre spiegelt sich in meiner Arbeit, also auch die der SPD, der Grünen und der FDP.

Können Sie als CDU-Mitglied Neutralität garantieren?

Hitze: Wir sind ein überparteiliches Projektteam. Wir machen Vorschläge, die von allen im Kuratorium vertretenen Fraktionen im Landtag beraten werden.

Sie organisierten eine Fachkonferenz. Gibt es die ersten Lehren daraus?

Hitze: Ja. Wir dürfen kein Gemischtwarenladen sein, der alle Themen in ein Museum presst. Also nicht das Schützenwesen im Sauerland oder den Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet beschreiben, sondern zeigen, was mit dem gesamten Land zu tun hat.

Sehr viel Fotomaterial aus Nordrhein-Westfalen ist nach Bonn ins Museum der Bundesrepublik Deutschland gegangen. Wollen Sie sich etwa Duplikate holen?

Hitze: Wir überlegen, ob wir Dauerleihgaben oder Schenkungen zurückholen können.

Nachlässe sind doch an den jeweiligen Ort gebunden?

Hitze: Wir könnten Material holen, wenn es andernorts nur im Depot liegt und keine Chance hat, gezeigt zu werden.

Es gibt viele historische Museen in NRW, von der Zeche Zollverein über das Preußenmuseum bis zum Fußballmuseum. Wollen Sie ein Heimatmuseum haben?

Hitze: Nein. Wir planen ein landeskundliches Museum, in dem die Menschen aus Köln, vom Niederrhein, aus dem Ruhrgebiet und aus Westfalen erkennen, dass Nordrhein-Westfalen mehr ist als ihre jeweilige Herkunftsregion. Die Landespolitik prägt die Menschen viel stärker, als sie selbst meinen.

Nun ist ein Projektleiter kein Museumsmann. Holen Sie sich Fachleute an Bord?

Hitze: Wir brauchen nicht nur einen, sondern mehrere Museumsexperten. Die können wir aber erst holen, wenn wir die Stellen dafür haben.

Sie werden den Museumsleiter ausschreiben?

Hitze: Es ist durchaus möglich, dass wir ein Stiftungsgesetz bekommen wie in Bonn. Dort ist der Träger eine Bundesstiftung, hier könnte es eine Landesstiftung sein, die auch Spenden akquiriert. Aber das ist Zukunftsmusik. Wir müssen jetzt erst einmal Strukturen schaffen, um mit der Aufbauarbeit anzufangen. Wir stehen ganz am Anfang. Wir kennen ja noch nicht einmal den Zeitrahmen der Ausstellung.

Das kann doch nur die Gründung des Landes sein?

Hitze: So ein Land fällt ja nicht vom Himmel. Der Mythos, dass es ein Bindestrich-Land mit einer künstlichen Geschichte ist, ist nicht richtig. Wir haben provinzübergreifend das Ruhrgebiet, die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule in Aachen, das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk. Es gab Strukturen über die Provinzgrenze hinaus in der Religion. Der gesamte Niederrhein gehörte zum Bistum Münster und nicht nach Köln, obwohl die Menschen Rheinländer sind.

Müssten Sie nicht bei den Preußen anfangen, die die erste Verwaltung aufbauten?

Hitze: 1815 landen wir ja auch bei den Preußen. Damals entwickelten sich die Verwaltungsstrukturen und die Industrialisierung. Auch die Provinz Westfalen entstand nach dem Wiener Kongress. Mit dem Westfalen-Bewusstsein ist es schon schwieriger.

Inwiefern?

Hitze: Die Einwohner im Sauerland fühlten sich als Westfalen, aber gehörten zu Kurköln. Wer in Paderborn und Umgebung lebte, war zwar Westfale, aber gehörte zum Erzstift Paderborn. Die Protestanten in Bielefeld waren Bielefelder, aber keine Westfalen. Das Westfalenbewusstsein ergab sich erst, als die Preußen aus den Teilgebieten die Provinz Westfalen schafften. Diese Provinz Westfalen blieb in ihren Grenzen bis 1945 unverändert.

Nicht so die Provinz Rheinland?

Hitze: Sie hatte ja ein Anhängsel bis nach Saarbrücken. Mit den Regierungsbezirken Koblenz und Köln gibt es eine Grenze, die südlich von Bonn verläuft. Diese Grenze galt auch zwischen der britischen und der französischen Besatzungszone. Die Briten konnten daher nur aus dem nördlichen Teil das neue Land Nordrhein-Westfalen machen.

Das hört sich ja alles an, als ob Sie einen Bildungstempel planen?

Hitze: Wir wollen keine Bildungsanstalt, sondern einen Erlebnisort. Ein Mitmach-Museum, das auch unterhaltend wirkt.

Die Zeit eilt. Das Haus soll doch in drei Jahren eröffnet werden?

Hitze: Nein, wir planen für 2021 nur eine Ausstellung zum 75-jährigen Gründungsjubiläum. Sie kann bestenfalls ein Modul sein, das später im Museum weiter verwendet wird. Wir können uns vorstellen, dass wir diese Jubiläumsschau schon im Behrens-Bau zeigen. Aber wir haben noch keinen Beschluss für dieses Gebäude.

Was macht denn den Bau des Peter Behrens, anno 1912, so attraktiv? Muss dieses Verwaltungsgebäude nicht erst umgebaut werden? Was ist mit dem Denkmalschutz?

Hitze: Der Bau darf außen nicht verändert werden. Im Innern steht weitgehend das Treppenhaus unter Schutz. Es ist ein Traum von Architektur. Walter Gropius machte den Grundriss, Peter Behrens die Gesamtleitung und Mies von der Rohe das Treppenhaus. Dieser Bau ist für ein Museum sehr gut geeignet, denn die gesamte Raumgestaltung ist flexibel. Der Bau liegt im Regierungsviertel, ist barrierefrei erreichbar und ein authentischer Ort.

Hier saß doch die Mannesmann-Verwaltung?

Hitze: Das Gebäude spiegelt Wirtschafts- und Industriegeschichte wider. Es war britisches Hauptquartier, wo die ersten Pläne für die Landesgründung erdacht wurden. Außerdem war es 1946 bis 1953 Regierungssitz der Ministerpräsidenten. Mannesmann wollte dann aber seinen Firmensitz wieder haben und drohte, die Regierung zu verklagen, wenn sie nicht das Haus verlässt. Ehe es zur Eskalation kam, ist Arnold ausgezogen. Als 2012 Vodafone zum Seestern zog, kaufte das Land die Immobilie, die seitdem leer steht.

Kommen wir zum Jubiläum. Was planen Sie für 2021?

Hitze: Die ersten 75 Jahre seit Gründung des Landes. Die Anfänge waren sehr schwierig, denn die Industrie war demontiert. Dennoch gelang der Aufstieg. In den 1950er Jahren wurde NRW zum Zentrum der Bundesrepublik, hier wurde der größte Teil des Bruttosozialproduktes erwirtschaftet. NRW war Energiezentrum und Mittelpunkt der Konsumgüterproduktion. Wir hatten die meisten Konsumenten, auch die höchsten Steuereinnahmen. Doch kaum hatte man sich eingerichtet, kam der Niedergang, die Energiekrise, die Kohlehalden, der Niedergang der Möbelbranche und Textilbranche. Trotzdem hat sich das Land immer wieder neu erfunden. Der Mythos, NRW sei ein SPD-Stammland, stimmt allerdings nicht. Man war hier nicht auf eine Partei festgelegt, hatte aber im Gegensatz zu anderen Ländern keine extremistischen Parteien.

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