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Berlin: Eine Kluft mitten in Europa: Schmids „Lichter”

Berlin : Eine Kluft mitten in Europa: Schmids „Lichter”

Eine der großen Überraschungen der Berlinale 2003 ist das große Interesse für deutsche Filme. Und es handelt sich nicht um die frühere hämische Vorfreude auf ein Schlachtfest der Kritik.

Man drängelt sich zu „Lichter” und „Good-Bye, Lenin” wie zu den Hollywood-Filmen. Dieter Kosslick hat in zwei Jahren seinem Wettbewerb und dem deutschen Film darin Vertrauen zurückgegeben.

Am Dienstag waren Hans-Christian Schmids „Lichter” an der Reihe. Mit „Nach Fünf im Urwald” entdeckte er Franka Potente, mit „23” wurde August Diehl bekannt. Schmid ist ein außerordentlich guter Regisseur mit feinem Gefühl für den richtigen Ton. Das zeigt er auch mit einem Riesen-Ensemble, das ansonsten nur Robert Altman stemmt.

An der deutsch-polnischen Grenze konzentrieren sich die Schicksale: Ukrainische Flüchtlinge, Schmuggler, gescheiterte Existenzen und grausame Kompromisse.

Raue Sitten nicht nur unter den Zigaretten-Schmugglern, es gibt wenig hilfreiche Menschen, und die ernten niemals Dank. Mit der Handkamera ahmt Schmid zeitweise den Stil von „Halbe Treppe” nach, doch die gut zusammengehaltene Vielfalt an Geschichten vermittelt niederschmetternd Facetten einer tiefen Kluft mitten in Europa.

Besonders gut ist Schmid immer, wenn er sich auf einzelne Personen konzentrieren kann, etwa den Taxifahrer, der verzweifelt ein Kommunionskleid für seine Tochter sucht und dabei fast über Leichen geht.

Die Lichter des Titels erweisen sich dabei immer als Irrlichter, als verlockender, trügerischer Schein. Am Ende des Tunnels ist kein Licht zu sehen. Außer für den deutschen Film.

TV-Serie aus den Siebzigern wieder belebt

Eine Kuriosität aus den Niederlanden wurde im recht humorlosen Wettbewerb sehnsüchtig erwartet: Das Musical „Ja Zuster, nee Zuster” lässt eine überaus erfolgreiche TV-Serie aus den Siebzigern wieder aufleben.

Die Rot-Kreuz-Schwester Klivia leitet ein Ruhestandsheim, das niemals zur Ruhe kommt. Ein chaotischer Erfinder im Keller, zwei große Jungs und die reizende Tänzerin Jet nerven den griesgrämigen Nachbarn Boordevol. Irgendwann stiehlt sich auch noch der fesche Langfinger Gerrit ins Haus und das Herz von Jet.

Wenn Gerrit durch die verregneten Straßen einer holländischen Musterstadt wirbelt, denkt man an Jacques Demys „Regenschirme von Cherbourg”, doch „Ja Zuster” ist nicht „Singing in the Rain”.

Slapstik-Figuren geben den eher albernen Ton dieses Film-Musicals vor, das Ballett tanzt zwar nicht mit „Klompen”, doch die wunderbare Leichtigkeit gelungener Musicals lässt diese bunte Kunstwelt vermissen.

„Ja Zuster” ist die Ausgeburt eines Trends: Die größten Kinohits der letzten Jahre machten die Nachbarn mit simplen Fortsetzungen von aktuellen TV-Soaps („Costa”).

Warum denn nicht auch die beliebteste Sendung der beliebtesten niederländischen Autorin Annie M. G. Schmidt künstlich wieder beleben. Vor allem, wenn die Originalsendungen verloren gegangen sind. Inhaltlich wird jedoch klar, weshalb Pieter Kramer die Regie bekam: Er hat früher für die Sesamstraße gedreht!