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Aachen: Eine Jugend zwischen allem und nichts

Aachen : Eine Jugend zwischen allem und nichts

Die Frage nach einem kompetenten Ansprechpartner in Sachen Jugend wird im Bistum Aachen schnell mit einem Namen beantwortet: Claus Wolf - ein Spätberufener mit Blick für die Zukunft. Man trifft den Präses der BdkJ im Bürotrakt von Haus Eich.

„Ganz hinten, dann links, einfach klopfen”, sagt die nette Dame vom Empfang. Ein wenig skeptisch guckt der studierte Mediziner und Theologe schon. Das Thema, das der Mann von der Zeitung vorgegeben hat, ist ja auch kein einfaches: „Die Jugend von heute”.

Schlagworte fallen dem 43-Jährigen erst nach kurzem Überlegen ein. „Event, Erlebniskultur.” Er kratzt sich an der hohen Stirn. „Ach ja”, sagt er dann. „Wahl-zwang.” Die Jugend von heute leide unter der Pluralisierung, dem Überangebot, das die Gesellschaft biete. Sich zu entscheiden, sich gar festzulegen, fiele den Jugendlichen schwer. „Sie haben Alles und Nichts”, findet Wolf.

Nacht der Jugend

Das merke er auch bei seiner täglichen Arbeit. Er ist zwar Theoretiker - „nicht am Endverbraucher”, wie er sagt -, aber selbst vom Schreibtisch aus könne er diese Ungewissheit spüren. Ein Beispiel: die Nacht der Jugend bei der Heiligtumsfahrt im Juni. Über Monate hat Wolf um Anmeldungen geworben. Die Resonanz war gering.

Am Tag selbst war der Dom dann voll. Rund 500 junge Menschen feierten die ganze Nacht. „Die Jugend von heute will sich alles offen halten”, sagt Wolf. Verbindlichkeiten, feste Termine seien der Spontaneität untergeordnet. Aber auch so kann es funktionieren. „Vom spontanen Erlebnis in die Tiefe, dann zu Gott”, sagt Wolf.

Er selbst hat erst mit Anfang 30 sein Theologiestudium begonnen - kein biblisches Alter, aber für einen angehenden Priester doch bemerkenswert. Zusammen mit viel jüngeren Studenten hat er gelernt und gebüffelt. Dabei ist er jung geblieben - irgendwie. Immer hat er sich in für die Jugend eingesetzt, hat Freizeiten organisiert, ist in Zeltlager gefahren, hat am Lagerfeuer gesungen und philosophiert. Auch er hat über das Erlebnis zu Gott gefunden. Als Kritiker der Jugend versteht sich Wolf wohl auch deshalb nicht.

Ganz im Gegenteil. Er will begeistern, Angebote machen. Man müsse werben um die Jugend. „Sonst gehen wir unter in dem großen Pool der Möglichkeiten.” Da ginge es der Kirche nicht anders als dem Fußballverein. Die Jugendlichen blieben eben nicht mehr kontinuierlich am Ball. „Deinstitutionalisierung” sei noch so ein Schlagwort. Deshalb will Wolf fördern, nichts aufdrücken. In allen Jugendlichen stecke etwas, das geborgen werden will, sagt er. „Da müssen wir ran.”

Noch ein Beispiel: das Dreikönigssingen, bei dem jedes Jahr tausende Kinder von Tür zu Tür ziehen und Geld für Projekte in der Dritten Welt sammeln. „Ob Wind, ob Regen, die sind unterwegs und setzen sich für andere ein - toll”, findet Wolf. Und nicht nur deshalb stellt er der Jugend von heute ein gutes Zeugnis aus.

Auch Werte wie Frieden, Miteinander und Toleranz ständen hoch im Kurs. „Da können wir Erwachsenen noch viel lernen.” Dass Ältere da manchmal nicht mitkommen - auch dafür hat der Theologe ein Schlagwort parat: „unausgesprochener Nichtangriffspakt”. Die Generationen ließen sich zwar in Ruhe, sprächen aber zu wenig miteinander.

Sorgen macht er sich keine - zumindest nicht um die Jugend. Dann doch eher um die Kirche. „Wenn wir die Jugend nicht im Blick halten, verlieren wir die Zukunft aus den Augen”, sagt er. In den Abgesang stimmt er also nicht mit ein. Stattdessen geht er zu seinem Schreibtisch, öffnet eine Schublade und holt ein Zitat hervor: „Die Jugend liebt heute den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität und hat keinen Respekt vor den Älteren.” Darunter steht der Autor: „Sokrates, gr. Philosoph, 470-399 v.Chr.”

„Und auch damals war die Jugend bestimmt nicht so schlecht wie ihr Ruf”, sagt Wolf.