Düsseldorf: Eine hoffnungslose Welt der Intoleranz

Düsseldorf: Eine hoffnungslose Welt der Intoleranz

Eben nicht Wagner, Mozart, Händel oder gar Vivaldi: Nein, auf Benjamin Britten und „Peter Grimes” fiel die Wahl des neuen Intendanten der Rheinoper, Christoph Meyer, mit dem er eine erste Duftmarke im renommierten, aber zu Trägheit neigenden Großbetrieb setzt.

Die Ära eins nach Tobias Richter beginnt mit einem Werk, das nach dem letzten Weltkrieg entstand, das auf der Bühne ungemein mächtig und kraftvoll wirkt, dessen Musik phänomenal intensiv und anspruchsvoll ist, und das nicht unter dem Staub seiner Wirkungsgeschichte zu ersticken droht.

Im Gegenteil: „Peter Grimes”, Brittens bekanntestes Musiktheater, kommt zum ersten Mal auf die Bühne der Rheinoper. Und seine Botschaft behauptet auch gut 60 Jahre nach der Londoner Uraufführung hohe Relevanz.

Schnörkelloses Dirigat

Soweit die glücklichen Vorzeichen des Düsseldorfer Spielzeitbeginns. Der Abend selbst dürfte dabei wie eine Initialzündung nachwirken, gleich auf mehreren Ebenen.

Fangen wir in den Niederungen des Orchestergrabens an. Hier steht seit dieser Spielzeit mit Axel Kober als Chef der Düsseldorfer Symphoniker ein außerordentlich fähiger Mann am Pult: Sein schnörkelloses Dirigat fassen die Musiker unter und auf der Bühne ganz einheitlich, genau, ungemein differenziert auf, so dass die oft minimalistisch, kammermusikalisch gesetzte Musik Brittens, die unvermittelt in einen orgiastischen Klangrausch verfallen kann, in allen Farben erstrahlt. Selten hat man Britten so transparent und klug zu Ohren bekommen.

Das mögen auch die Sängersolisten, hinter denen allgegenwärtig der Chor einen großen Abend vervollkommnet - die Wucht der teuflischen „Peter Grimes”-Rufe wird man so schnell nicht aus dem Gedächtnis verbannen können.

Unglaublich souverän gestaltet der Protagonist des Abends, der Tenor Roberto Saccà, die atemberaubend schwere Titelpartie. Was da an Kostbarkeiten aus der italienischen Kehle strömt, lyrisch gefärbt und wie unangestrengt in jeder noch so extremen Gefühlslage, das überzeugt restlos.

Großes leistet auch Gun-Brit Barkmin, die als Lehrerin Ellen Orford dem eigenbrötlerischen Seebären wacker gegen die feindliche Dorfgemeinde zur Seite steht, wenngleich sie gegen Ende des dreieinhalbstündigen Abends mehr und mehr Metall bloßlegt. Ganz außerordentlich präsent gibt Heldenbariton Tomasz Konieczny den Kapitän Balstrode. Das Haus kann sämtliche Nebenrollen exzellent besetzen, die Ensembles sind wunderbar musiziert.

Sehr präzise Regie

Der musikalischen Hochleistung gesellt sich eine Regie hinzu, die nicht gerade unkonventionell, aber sehr genau, auch sehr nah an der Musik die Figuren zu fast magischer Präsenz entwickelt. Der Gelsenkirchener Immo Karaman ist mit gerade einmal 37 Jahren schon ein Star der Regie-Szene, sein „Peter Grimes” bestätigt das.

Er kann sich aber auch auf die große Suggestionskraft des Bühnenbildes verlassen, das Kaspar Zwimpfer entwickelte: Der Ort der Handlung, ein gottverlassenes Fischerdorf an Britanniens rauer Atlantikküste, entsteht aus einem bis in den Orchestergraben kragenden bühnenbreiten schwarzen Bitumen-Teppich, in den Türblätter, Fensterflügel eingeprägt sind. Das sieht aus wie die zerborstene Laufkette eines gigantischen Welt-raum-Panzers, auch als es sich im zweiten Bild zum Interieur einer verruchten Hafenkneipe in Falten legt.

Im dritten Teil schlägt dieser Teer gewordene Abdruck von Zivilisation bis in den Schnürboden, windet sich zur Riesenwelle, die das unselige und alles Fremde brutal ausgrenzende Häuflein der Fischer verschlingen will. Auf der Gischt der Welle, nur mit steilster Sprossenleiter zu erreichen, haust Grimes in seiner Hütte, im ewigen Kampf mit seinen Verletzungen und dem Wunsch nach bürgerlichem Glück. Sparsam, fast scheu, taucht die Regie einige Szenen in surreales Licht, Nachtblau changiert in metaphysisches Violett, Nebel wabern, Sturm tost nur im Orchester.

Der Zuschauer wird während der dreieinhalbstündigen Aufführung eingesogen in diese hoffnungslos verlogene Welt der Intoleranz und Gewalt, in der am Ende Grimes zu seinen verreckten Lehrjungen ins nasse Grab springt. An seiner Statt sitzt nun seine Liebe, die Lehrerin Ellen, augenblicklich im feindlichen Visier des Volks. Es kündigt sich an ein neuerlicher Wellenschlund.

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