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Aachen: Ein Reiseführer zu Plätzen der Rebellion

Aachen : Ein Reiseführer zu Plätzen der Rebellion

Wo war die Kommune 1, wo entstand der erste Kinderladen, was passierte genau mit Andreas Baader in der Miquelstraße 83? 50 Jahre nach der Studentenrevolte rücken die Berliner Orte der Protestbewegung in das öffentliche Bewusstsein.

Was wann wo in den bewegten Monaten von 1967/68 passierte, wieso etwa Rudi Dutschke zum Sieg der vietnamesischen Revolution im Audimax der TU aufrief und wo RAF-Mitbegründerin Ulrike Meinhof ihre letzte legale Wohnung hatte: Die „Spiegel“-Reporter Michael Sontheimer und Peter Wensierski haben sich auf Spurensuche begeben.

Mit „Berlin Stadt der Revolte“ haben sie einen historischen Reiseführer vor, der die Topographie der Ereignisse nachzeichnet, aber auch die Lokalitäten des DDR-Protests im Osten der Stadt beschreibt und Zeitzeugen zu Wort kommen lässt. In geografischer Anordnung ist damit auch eine Theorie der Revolte nach Berliner Art entstanden. Wensierski stellt das Buch am Dienstag, 12. Juni, in Aachen vor.

Die Stadt schmücken Dutzende Kulissen früher Aufstände. Sontheimer, ein Mitgründer der links-alternativen „taz“, und Wensierski, einst Korrespondent in der DDR, entdecken bei ihren Streifzügen einen „Gen der Revolte“. 1848 kämpften in Berlin Demokraten für die Freiheit, 1919 die Proletarier für die Rätedemokratie und 1953 Ost-Berliner Arbeiter gegen den Akkord. Kein Ort in Deutschland eignet sich wohl besser, um den Ungehorsam zu proben.

„Die Stadt hat ständige Veränderungen von unten erlebt, daher rührt ihr Rebellenpotential“, sagt Wensierski — und wundert sich: Angesichts des schwierigen Zustandes im sozialen Miteinander in Berlin könne man sich heute fragen, „wo die nächste Revolte bleibt“.

Die Schauplätze der Randale, Demos und Lebensexperimente breiten sich über die ganze Stadt aus. Fast 60 Orte zeigt das Buch mit kleinen roten Fähnchen auf einer Karte. Sie reichen vom Auditorium Maximum der FU in der Gary-straße in Dahlem bis nach Pankow. Dort, in der Elsa-Brandström-Straße 18 verfasste die Liedermacherin Bettina Wegner ihre Flugblätter gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in der Tschechoslowakei.

Mehrere Adressen sind auch Orte von „Pioniertaten“. In der Suarezstraße 41 residierte die erste Redaktion der „taz“, in der Bülowstraße 17 der erste Schwulenbuchladen, in der Neuköllner Kopfstraße 12 der erste Kinderladen. Und in einer Wohnung in der Knesebeckstraße 89 in Charlottenburg lebte Ingrid Schubert, die bei der Befreiung des inhaftierten Andreas Baader in der Miquelstraße mitgemacht hatte. Bei einer Hausdurchsuchung fand die Polizei eine Pistole, Autonummern und Molotowcocktails. Die Wohnung gilt als Keimzelle der RAF. Heute sind an dieser Adresse eine Cocktailbar und eine Naturheilpraxis untergebracht.

Michael Sontheimer, Peter Wensierski: „Berlin. Stadt der Revolte“. Ch. Links Verlag, 448 Seiten, 25 Euro.