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Aachen: Ein Museum für Taucher vor Lanzarote

Aachen : Ein Museum für Taucher vor Lanzarote

Das schwarz-rot gestrichene Boot in der Bucht Las Coloradas im Süden der Sonneninsel Lanzarote dümpelt vor sich hin. In der Entfernung von etwa 40 bis 50 Metern schwimmen gelbe Bojen. Stünde nicht an der Seite in großen Buchstaben „Museo Atlántico“, der Tourist könnte das Gefährt für ein Feuerwehrboot halten, das auf einen Einsatz wartet oder an einer Übung teilnimmt.

Tatsächlich ist es so etwas wie der Einstieg zu einem wirklich einzigartigen Museum: Etwa 14 Meter unter dem Meeresspiegel sind auf einem Areal von 50 mal 50 Metern etwa 300 lebensgroße Skulpturen auf dem Meeresboden verankert. Von dem Künstler Jason deCaires Taylor an Land gefertigt und dann versenkt.

Die Flüchtlingsthematik wird unter Wasser aufgegriffen: 35 Personen laufen auf einen Zaun zu, der nur einen engen Durchschlupf bietet.

Zugänglich ist dieses Museum Tauchern mit Vorkenntnissen und Schnorchlern. Kritisch könnte man anmerken, dass sei elitäre Kunst für eine kleine Elite. Denn wer besitzt schon einen Tauchschein für mindestens 16 Meter Tiefe? Und bevor Glasbodenschiffe auch gewöhnliche Besucher über das Areal fahren, wollen die Verantwortlichen erst einmal das erste Echo abwarten. Denn das Museum ist erst die erste Saison eröffnet. Man will Erfahrung sammeln.

Das Schlussbild mit der Nummer 12 im Parcours: Etwa 200 lebensgroße Figuren bilden einen kreisrunden Wirbel.

Bewohner der Insel als Modell

museo atlantico

Rückblick: Vor über zwei Jahren ein kleines Areal am Ende des modernen Jachthafens „Marina Rubicón“ von Playa Blanca, vielleicht einen halben Tennisplatz groß, ummauert. Am Fuß der Mauern brechen sich die Wellen des Atlantiks. Oben stehen Figuren, lebensgroß, Männer, Frauen und Kinder, auf einem Vorsprung das Abbild eines Schlauchbootes. Entfernt erinnern die Figuren an die Armee der Terrakottakrieger im chinesischen Xian.

Nur: hier sind es teilweise Abgüsse tatsächlich existierender Menschen, Bewohner von Lanzarote und La Graciosa, die der Künstler für sein Projekt begeistern konnte. Fischer und Dauergäste stellten sich zur Verfügung. Hier legte er letzte Hand bei den Abgüssen an, spachtelte und feilte an den Betonfiguren, die bald im Meer versinken würden und dann nur noch für Taucher und Schnorchler sichtbar sein werden.

Jetzt ist es ein Arrangement von zehn Einzelfiguren und von Gruppen. Die Skulpturen bestehen aus neutralem pH-Beton und werden im Laufe der Zeit dazu dienen, die marine Biomasse zu erhöhen und die Reproduktion der Arten der Insel zu erleichtern. Mit anderen Worten: Pilze sollen sich an die Figuren heften, Flechten, Korallen. Das Museumsprojekt soll irgendwann ein großes künstliches Riff bilden. Das sind die gleichsam ökologischen Ziele des Künstlers.

Aber er hat Figuren geschaffen, die eine Aussage machen, die einen Appell an die Besucher richten, die Emotionen wecken in der Spannung zwischen Begeisterung und Ablehnung. Kunst eben, dieses Mal nicht im Museum herkömmlicher Art. Obwohl — auch in den bekannten Museen ist es eher still, sieht man einmal vom Summen der Klimaanlage ab, vom gelegentlichen Klappern von Stöckelschuhen, vornehmem Husten oder versteckten Lachern.

Taucher berichten von der Stille unter Wasser. Sie hören das eigene Blut strömen, die Luftblasen zerplatzen. Und schwimmen dann — gemeinsam mit Fischschwärmen — zwischen den Betonfiguren von Jason deCaires Taylor. Eine Begegnung der besonderen Art.

Ein Parcours kleiner Szenen

Folgt der Taucher der Nummerierung der Unterwasserperformance, dann sieht er zunächst eine Gruppe von Kindern in kleinen Booten, „jolateros“ genannt. Ein auf Lanzarote traditionelles Boot. Aber hier soll das Arrangement auch auf eine gewisse Unsicherheit für Kinder hinweisen, erst recht, wenn man sich diese Nussschalen auf den Wellen des Atlantiks vorstellt. Es folgt eine Art Scheiterhaufen: aufgeschichtete Betonschwellen tragen die Figur eines Fischers. Als Nächstes: Aus dem Fernsehen sind die Bilder bekannt: Schlauchboote voller Menschen, die über das Meer fliehen in eine ungewisse Zukunft.

Taylor nennt es „Das Floß von Lampedusa“. Er sieht es als Hommage an jene, die ihr Leben auf dieser Reise verloren haben. Die Flüchtlingsthematik wird auch in der übernächsten Installation aufgegriffen: 35 Personen, die auf einen Zaun mit einem Tor zulaufen. Eine Grenze zwischen zwei Wirklichkeiten. Man mag sich an die von US-Präsident Donald Trump geplante Mauer zwischen Mexiko und den USA erinnert fühlen.

Für Taylor ist es „ein Denkmal des Absurden, eine disfunktionale Barriere inmitten des großen Wassers, ein dreidimensionaler Raum, der in jede Richtung über- und durchschritten werden kann“. Der Taucher schwimmt durch die Personen, gesellt sich zu ihnen, sucht den Durchschlupf. Wenn er will, wird er für Augenblicke Teil dieses Kunstwerks. Wird eins mit den Meereslebewesen, die sich durch diese Kunstwelt schlängeln, bunte Fische, die der Szene eine traumhafte Farbigkeit schenken.

Zuvor ist er bereits an einer geradezu irren Konstellation vorbeigeschwommen: Ein gesichtsloses Paar macht ein Selfie. Wer sich die gesamte Szene anschaut, der wird feststellen, dass im Hintergrund das Flüchtlingsboot auf Grund gelaufen ist. Eine makabre Kulisse für ein Kommunikationsmittel unserer Tage. Eine Art botanischer Garten erwartet die Taucher nach der „Mauer“: Hybriddrachen, Hybridfeigenkakteen, Hybridwurzeln- und röhren. Skulpturen, die halb Mensch und halb Kaktus sind und anspielen auf die reichhaltige Vegetation von Lanzarote. Eine Touristin berichtet nach einem Tauchgang, die zwischen den Betonskulpturen schwimmenden Fische hätten den „Pflanzen“ so etwas wie Blätter und Blüten gegeben.

Wir nähern uns dem Ende des Parcours. „Portal“ nennt der Künstler die Installation, bei der eine junge Frau in einen großen Spiegel blickt, der flach auf dem Meeresboden liegt und die sich bewegende Oberfläche des Atlantiks spiegeln soll. Kleine künstliche Höhlen sollen im Idealfall neuen Lebensraum für Kraken, Seeigel und Fischbrut bieten.

Unterwasserwelt verändert Bewusstsein

Die Episode „Unreguliert“ besteht aus einer Schaukel und zwei Wippen auf einem imaginären Spielplatz, auf denen Geschäftsleute im Businessanzug „spielen“. Die Szene soll die Gleichgültigkeit und Arroganz der Unternehmenswelt gegenüber der natürlichen Welt zeigen.

Zwei identische Fotografen haben ihre Kameras gezückt und sollen eine Debatte über das ständige Fotografieren im Alltag über Wasser anstoßen. Schließlich das letzte Bild: Ein Wirbel von Menschen aus 200 lebensgroßen Skulpturen, die eine große, kreisrunde Formation bilden. Sie sollen ein Riff bilden und von Meerestieren und Pflanzen bewohnt werden. Wer aus dieser Unterwasserwelt wieder auftaucht, mag vielleicht bewusster als bisher seine Umgebung wahrnehmen.

Dass die Tourismusbehörde Lanzarotes das Projekt mit 700.000 Euro unterstützt hat, muss aber nicht in erster Linie mit ihrem ökologischen Engagement zusammenhängen. Der einheimische Künstler César Manrique hat bereits seit den 1960er Jahren versucht, Tourismusindustrie und Naturschutz zusammenzubringen. Mit Erfolg: seine ausgebauten Höhlen, sein Wohnhaus oder der Kaktusgarten fehlen heute bei keiner der angebotenen Inselrundfahrten.

Acht Orte auf Lanzarote gab es bereits, die „Centros de Arte, Cultura y Turismo“ (CACT) heißen, das Unterwassermuseum ist das neunte. Und da angeblich jährlich 100.000 Gäste allein des Tauchens wegen diese kanarische Insel besuchen, mag das Kalkül aufgehen. Die Tauchschulen haben ihre Zurückhaltung aufgegeben. Sie wollten zunächst nicht einsehen, dass ihre Kunden für das an sich frei zugängliche Meer einen Eintritt bezahlen sollten. Sie haben erkannt, dass auch sie von der neuen Attraktion profitieren.

Mit den Jahren verschwinden

Damit aber auch „Landratten“ zumindest einen flüchtigen Eindruck von der Unterwasserwelt erhalten, ist innerhalb der modernen „Marina Rubicón“ — Jachthafen, Restaurant und vielerlei Einkaufsmöglichkeiten — eine männliche Figur aufgestellt. Sie steht mit den Füßen im Wasser, das Gesicht ist stoisch ruhig, die Augen geschlossen. Sie strahlt eine innere Ruhe und Gelassenheit aus.

Gelegentlich suchen Möwen den Kopf als Landeplatz, an einzelnen Stellen haben sich kleine Pflanzen niedergelassen. So werden auch die Figuren unter Wasser Patina ansetzen, möglicherweise in Jahrzehnten ganz unter der Meeresflora verschwunden sein, ganz im Sinne des Künstlers.