Mönchengladbach: „Ein Maskenball“ spielt bei Jackie Kennedy im Oval Office

Mönchengladbach: „Ein Maskenball“ spielt bei Jackie Kennedy im Oval Office

Das ist mal eine Idee: Verdis „Ein Maskenball“ ins Oval Office zu verlegen. Verdi hatte das mit einer Dreiecksgeschichte angereicherte Königsmörderdrama seinerzeit aus Raison vor der geradezu allmächtigen Zensur Neapels nach Boston verlegt.

Am Theater Mönchengladbach macht Regisseur Andreas Baesler in Tateinheit mit Bühnenbildner Hermann Feuchter und Ausstatterin Caroline Dohmen daraus eine Zeitreise in die frühen 60er.

Wir sehen in Riccardo ein Double des smarten JFK in der Amtsstube des Machtzentrums der USA. Blauer Anzug, roter Schlips, Seitenscheitel. Seine Angebetete Amelia stöckelt in Jackies schicken Klamotten einher. — Kann man machen, schließlich war Kennedy wie der Held in Verdis Musikdrama kein Frauenverächter, und erschossen wurde er auch. Viel weiter gehen die Parallelen allerdings nicht.

Nun verpasst Verdis „Maskenball“ Fans italienischer Oper die volle Breitseite an Effekten und Emotionen. Schon die Ouvertüre, die Baesler wohltuend unbebildert lässt, verzückt durch die Fülle an Kontrasten, die sich dramatisch aufs finale Unglück hin entwickeln. In der Oper selbst werden wir Zeuge einer die Macht des Schicksals prophezeienden Zigeunerin, hernach an eine unheimliche Hinrichtungsstätte geführt und schließlich in einen skurrilen Ballsaal gebeten, in dem das Orakel seine dramatische Erfüllung findet.

Schwelgerisch und zupackend

In Mönchengladbach ist ein Ensemble zusammen, das unter GMD Mihkel Kütson im Graben mit den Niederrheinischen Sinfonikern weiß, wie Verdi dargebracht werden muss: schlank und durchhörbar im Klang, schwelgerisch bei Liebesdingen und zupackend im Drama. Tenor Michael Siemon wandelt schwindelfrei und mit manch subtilem Zwischenton durch die Tenorpartie des Riccardo; Izabela Matula kostet die bezaubernden Arien der Amelia weidlich aus, beide sind das Traumpaar des Gemeinschaftstheaters.

Als Dritter im tragischen Liebes-Bunde gefällt Bariton Johannes Schwärsky in der Renato-Partie mit großer Stimme und präsenter Figur. Eva Maria Günschmann zelebriert die Wahrsagerin Ulrica in kostbaren Mezzo-Farben, Sophie Witte hat all die glöckchenhaften Soubrettentöne des Oscar in ihren Sopran-Registern.

Vielleicht kann man an dieser Figur des Oscars dem Problem von Baeslers Inszenierung am ehesten auf die Schliche kommen. Denn Sophie Witte stöckelt derart übertrieben mit allem wackelnd, was weibliche Rundungen hat, um den Mahagoni-Schreibtisch des Präsidenten herum, dass man sich in einer Komödie wähnt.

Die Ulrica-Szenerie ist in urwaldgrünes Dämmerlicht getaucht, die Wahrsagerin selbst bis zur Karikatur überschminkt und wird von farbigen Mammas assistiert. Auch was die Flagge Puerto-Ricos überm lagerfeuerartig flammenden Kamin soll, bleibt rätselhaft. Eher amüsant wirkt auch die Verortung der Galgenberg-Szene in eine Todeszelle mit elektrischem Stuhl und Zauberkräutlein im Giftflaschen-Regal. Da wundert auch nicht, dass Baesler den finalen Maskenball mit Mickey-Maus-Pappmasken ins Skurrile wendet, dem allerdings eine Portion Unheimlichkeit innewohnt.

Der Opernchor des Hauses jedenfalls gefällt ganz stimmlich außerordentlich in dieser Eröffnungspremiere, die Kütson an seinem 44. Geburtstag dirigierte. Am Ende streckt ein Schuss den Präsidenten nieder, allerdings nicht im offenen Wagen, sondern beim Tanze. Dann schaut noch die Wahrsagerin gespenstisch durchs Fenster — denn eigentlich war alles ja nur ein Missverständnis.

Weitere Vorstellungen am 19. September, 9., 11., 30. Oktober, 22. November, 4., 13., 17., 22., 30. Dezember, 9. Januar Infos: Telefon 02166/ 6151100.

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