Mönchengladbach: Ein Labyrinth führt durch die Kunstwelt

Mönchengladbach: Ein Labyrinth führt durch die Kunstwelt

„Das ist auch eine Würdigung der Geschichte des Museums seit den 60er und 70er Jahren.“ Susanne Titz teilt den schönen Lorbeer, der sie und ihr Haus da erreicht hat, gerne mit ihren Vorgängern: Die deutsche Sektion des Internationalen Kunstkritikerverbandes AICA wählte das Museum Abteiberg in Mönchengladbach zum Museum des Jahres 2016 (wir berichteten).

Obgleich der Preis undotiert ist, ist er doch auch eine große Geste der Anerkennung für den jeweiligen Museumsdirektor und seine Arbeit. Und entsprechend allseits sehr begehrt. Seit 2004 leitet die studierte Kunsthistorikerin das Kunstmuseum in Mönchengladbach. Zuvor war sie Direktorin des Neuen Aachener Kunstvereins (NAK) und dort für die Ausstellungen verantwortlich.

Sie leitet das Museum Abteiberg seit 2004: die gebürtige Stolbergerin Susanne Titz. Zuvor war die Kunsthistorikerin Direktorin des Neuen Aachener Kunstvereins. Foto: Stefanie Genenger

„Hervorragende Sammlungsbestände internationaler Kunst vor allem seit den 1960er Jahren, eine inhaltlich fundierte Zusammenarbeit mit bedeutenden Privatsammlungen sowie kontinuierlich hochkarätige Ausstellungen machen das Haus zu einer der führenden Adressen für Gegenwartskunst in Deutschland“, begründete der Verband seine Wahl. Wir besuchten jetzt das Haus, um nachzuvollziehen, was die Juroren und Experten so tief überzeugt hat.

Blick in die aktuelle Ausstellung: Die belgische Künstlerin Anne-Mie Van Kerckhoven hat eine raumgreifende Installation inszeniert. Foto: Uwe Riedel

Etwas abseits der alles beherrschenden Einkaufsmeile Hindenburgstraße liegt der Bau, der mit seiner futuristisch wirkenden, verzinkten Fassade kaum ahnen lässt, dass er bereits 1982 fertiggestellt wurde, erste Entwürfe gab es schon 1974. Der Architekt, Hans Hollein (1934-2014), gelangte damit zu Weltruhm. 1985 wurde er mit dem internationalen Architekturpreis, dem Pritzker Award, ausgezeichnet.

Abteiberg

„Es sollte eine ganz neue Art von Museum sein“, erklärt Susanne Titz, „das exakte Gegenteil der Uffizien, wo von Saal eins bis 20 die ganze Kunstgeschichte in scheinbarer Folgerichtigkeit und Chronologie abgebildet sein soll.“ Ein falscher und nicht zu erfüllender Anspruch, meinten Hollein, Professor für Baukunst an der Düsseldorfer Kunstakademie, und der damalige Museumsdirektor Johannes Cladders (1924-2009).

Abteiberg

Sie waren Denkpartner — zusammengebracht von Joseph Beuys. Titz: „Sie hatten beide die Vorstellung, dass Objekte der Kunstgeschichte immer neu deutbar sind, dass sie in Beziehung zueinander stehen, die der Betrachter auch dann finden kann, wenn sie weit voneinander entfernt sind — zeitlich oder räumlich.“ „Kunst im Dialog“ — so lautet seither das Motto im Museum Abteiberg. „Da hängen die Objekte nicht für sich arrogant an der Wand, sondern stehen in Querverbindung zu anderen Werken und zur aktuellen Gegenwart von uns Betrachtern.“

Abteiberg

Diesen Vorstellungen entspricht bis heute das architektonische Raumkonzept: Wie durch ein Labyrinth muss sich der Besucher hier über teilweise runde Treppen und durch hintereinandergeschachtelte Räume — alles im strahlenden Weiß des Marmors gehalten — seinen Weg suchen und selbstständig die Verbindungen finden: zwischen Konstruktivisten, Expressionisten und Avantgardisten, zwischen Gregor Schneider und Gerhard Richter.

Zwischen den „Vätern und Müttern“ wie Joseph Beuys, Hanne Darboven oder Marcel Broodt- haers und Künstlerinnen unserer Tage wie Anne-Mie Van Kerckhoven in der aktuellen Wechselausstellung. Vor 40 Jahren begann deren künstlerische Arbeit in der Gegenkultur von Punk und Feminismus und mündete in ein überaus komplexes Multiwerk, das kaum ein Medium auslässt. In zwölf Kapiteln einer raumgreifenden In-stallation schlägt die Belgierin den Bogen von mittelalterlichen Hexen zu Science-Fiction, vom Mystischen zum Digitalen.

Von hier aus geht es wieder durch das Marmor-Labyrinth zu den „Vätern“ aus jener Sammlung von Hans-Joachim und Berni Etzold, die überhaupt erst den Anstoß gab, diesen Neubau zu errichten — mit Namen wie Zero, wie Manzoni, Fontana, Uecker, Klein, und wie sie alle heißen. All das in die Gegenwart fortgeschrieben von Sammlern wie dem in Kohlscheid und Berlin lebenden Wilhelm Schürmann. „Die Ausstellung ‚Das Gespinst‘ oder die Schenkung der ‚Soldiers‘ von Wolfgang Tillmans waren wichtig für uns“, erklärt die Direktorin. „Sie ergaben hochinteressante Querbezüge.“

Auf bis zu 25.000 Besucher kommt das Museum Abteiberg jährlich. Das ist nicht wirklich übermäßig viel, aber doch durchaus vergleichbar mit den Museen zum Beispiel in Aachen. „Wir haben hier leider keine Domplatte“, sagt Susanne Titz mit Blick auf die ganz andere städtische Situation in Köln.

Gerade wird ein schon lange geplantes Projekt verwirklicht, um die Anbindung an die Innenstadt entscheidend zu verbessern: eine Brücke, die zur Innenstadt führt, und eine Passage. Die Projekte im Skulpturengarten und auf dem Abteiberg seit den Jahren 2012/13 sollen eine Fortführung finden, um in das städtische Leben hineinzuwirken. Aber auch ohne das: Der Abteiberg ist eine Reise wert!

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