Düren: Ein kühler Pionier der Nachkriegskunst: Würdigung für Karl Fred Dahmen

Düren: Ein kühler Pionier der Nachkriegskunst: Würdigung für Karl Fred Dahmen

Zwischen Stolberg und dem Chiemgau liegen nicht nur mehr als 700 Kilometer — die Distanz zwischen Kupferstadt und oberbayrischer Idylle lässt sich auch in einem Künstlerleben ablesen. Der 1981 verstorbene Karl Fred Dahmen war Maler, Grafiker und Objektkünstler, Mitbegründer der Düsseldorfer Künstlergruppe „Gruppe 53“ und einer der führenden deutschen Vertreter des Informel, 1959 nahm er an der zweiten Documenta teil.

In diesem Jahr wäre Dahmen 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass würdigt das Leopold-Hoesch-Museum den gebürtigen Stolberger gemeinsam mit dem Duisburger Museum Küppersmühle mit der Ausstellung „Das Prinzip Landschaft“. 40 Jahre nach seiner letzten Ausstellung in Düren ist Dahmens vielfältiges Schaffen jetzt mit 75 vorwiegend grafischen Arbeiten in dessen Heimatregion präsent.

Einblick in die Welt des Karl Fred Dahmen (oben, Mitte): die Werke „Tektonische Landschaft“ (1953, großes Bild) und „Vertikale Erscheinung“ (1957) sind in Düren zu sehen. Renate Goldmann (Bild links unten, li.)und Ina Hesselmann haben die Schau im Leopold-Hoesch-Museum vorbereitet, die am Sonntag eröffnet wird. Foto: Nadine Tocay

Für Renate Goldmann ist die Doppelschau nicht weniger als die wahrscheinlich umfassendste Würdigung Dahmens. „Zeit seines Lebens hat er das Prinzip von Landschaftsmalerei aufzubrechen und neu zu definieren gesucht. Nur in der Gesamtbetrachtung werden das breite Spektrum und die Gegensätzlichkeit seiner Arbeit deutlich“, sagt die Direktorin des Leopold-Hoesch-Museums kurz vor der Eröffnung der Ausstellung am kommenden Sonntag.

So sind in Düren frühe Werke aus Dahmens Stolberger Zeit ebenso zu sehen wie jene aus seinem Atelier in Niederham im Chiemgau, die vornehmlich in den 1970er Jahren und damit in der späten Schaffensphase eines Mannes entstanden, der gemeinsam mit dem im August 2017 verstorbenen Aachener Maler Karl Otto Götz Akzente für die Ausbreitung der abstrakten informellen Malerei setzte. Mit anderen Künstlern formierte Dahmen in den frühen 1950er Jahren die „Neue Aachener Gruppe“, zu der auch der Jülicher Avantgardist Hanns Pastor gehörte.

„Seine Arbeit steht einerseits für den Existenzialismus der Nachkriegszeit, für ein kühles und abstraktes Gefühl jener Jahre. Später hat er sich dann eher in Richtung Collagen entwickelt, die eher wie Objektkästen wirken und aus Fundstücken bestehen, die er im ländlichen und bäuerlich geprägten Chiemgau gesammelt und verarbeitet hat“, sagt Goldmann über Dahmens Arbeit. In den 1950er und 1960er Jahren noch in seiner Heimatstadt ansässig, zog es Dahmen, der ab Ende der 1960er Jahre eine Professur an der Akademie für Bildende Kunst inne hatte, später nach Bayern. „Er hat die Struktur seiner Umgebung aufgesogen, sowohl im Rheinland als auch rund um den Chiemsee.“

Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg war Dahmen künstlerisch in Erscheinung getreten, nachdem er zunächst eine Ausbildung zum Grafiker absolviert hatte. „Eine Grundlage, die ihn sein ganzes Künstlerleben lang begleitet hat“, sagt Ina Hesselmann, Kuratorin sowohl der Dürener als auch der Duisburger Ausstellung. So entstanden nicht wenige von Dahmens collagenhaften Arbeiten im Chiemgau mit Hilfe einer eigenen Druckerpresse, darüber hinaus arbeitete er eng mit vertrauten Druckern zusammen.

Prägend für Dahmens Arbeit waren laut Hesselmann außerdem diverse Besuche in Paris Anfang der 50er Jahre, „hieraus hat er viel Inspiration gezogen und enge Kontakte geknüpft.“ Für sie und Goldmann ist der gebürtige Stolberger eine echte Wiederentdeckung deutscher Nachkriegsmalerei. „Dahmen ist eine herausragende Figur des Informel, die auch zu Lebzeiten immer Beachtung und Anerkennung gefunden hat“, sagt die Direktorin. „Allerdings war er nicht so extrovertiert wie viele seiner Zeitgenossen, wie etwa Beuys. Somit war er auch weniger in der Öffentlichkeit präsent.“

Während in Düren die grafischen Arbeiten im Vordergrund stehen, widmet sich der Duisburger Teil der Ausstellung Dahmens erdbezogenen Bildern, seinen Montagen und raumgreifenden Installationen. Für Renate Goldmann, die Ende des Jahres nach acht Jahren ihre Arbeit in Düren aufgibt, ist Dahmens Arbeit nicht weniger als der perfekte Gegenentwurf zur Pop Art. „Er hat sich lieber der Tristesse gewidmet, die seine Zeit und seine Umgebung mit sich brachte.“ Für sie steht fest: „Dahmen verdient europäische Würdigung.“

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