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Aachen: Ein furioser Zirkus der blutigen Grausamkeiten

Aachen : Ein furioser Zirkus der blutigen Grausamkeiten

„Roberto Ciullis furioser Zirkus der Grausamkeiten” hatte eine Zeitung getitelt, als man in Mülheim an der Ruhr die Spielzeit mit William Shakespeares „Titus Andronicus” in der Regie des Intendanten eröffnet hatte.

Die blutige und recht selten gespielte Tragödie um den Feldherrn, der die Goten besiegte, wurde beim NRW-Theatertreffen von Publikum und Machern in Aachen gleichmaßen mit besonderer Spannung erwartet.

Es gibt Namen, die haben magische Wirkung: Mit Roberto Ciulli, dem Intendanten des Mülheimer Theaters an der Ruhr, und seiner Inszenierung von William Shakespeares Tragödie „Titus Andronicus” ist es den Planern des 22. NRW-Theatertreffens gelungen, einen exotischen, in allen Theaterfarben glitzernden Festivalbeitrag ins Große Haus zu holen.

Was für den einen als zirzensischer Klamauk über die Bühne polterte, ist für andere eine Offenbarung. Einigen Zuschauer wird das Treiben allerdings doch zu bunt. Sie gehen - einige schon vor der Pause.

Mit Neugier, amüsiert, aber auch kopfschüttelnd nimmt das Publikum beim Festival zur Kenntnis, was in Mülheimer Gefilden andächtig gefeiert worden ist.

Sympathisch angesichts der allein körperlichen Höchstleistung, die alle - auch Ciulli, der als Sohn des Lucius eifrig herumtrippelt - zu erbringen hatten: Nahezu das gesamte Ensemble samt Intendant stellte sich dem von Heinz Klunker moderierten Publikumsgespräch zu später Stunde.

„Schändung, Mord, Vergewaltigung, alle schlimmen Dinge dieser Welt haben wir gesehen. Muss das auch noch im Theater sein?”, stellt Klunker angesichts der blutig-verwickelten Handlung die erste Frage.

„Die Thematik ausufernder Gewalt bleibt aktuell”, so der Regisseur. „Die idiotischen Zeiten, in denen es jemand wunderbar findet eine Hand oder einen Sohn zu opfern, sind nicht vorbei.”

Warum dieses frühe Stück von Shakespeare? Dramaturg Helmut Schäfer: „Es entlarvt die Dummheit und zeigt, wie sich Gewalt vererbt, wie grundlos sie ist, verbunden mit dem Narzissmus und der Stupidität einer Figur wie Titus Andronicus.”

Und Ciulli ergänzt: „Es geht um etwas, das tiefer in uns ist.” Hass und Ohnmacht, ein Paar, das einander bedingt, wie Schauspielerin Maria Neumann betont. Sie spielt den Titus. „Ein Mensch, der wie er nicht reift, bleibt stecken, bleibt kindisch, und schließlich wird er Amok laufen”, beschreibt sie diesen Charakter.

Warum der Geschlechtertausch, den Ciulli gern betreibt? Lässt sich Dekadenz mit Frauen besser darstellen? „Nein, aber die verkehrte Welt . . .” Man dringt noch in manche Tiefen vor, grübelt über die Bedeutung des Mohren Aaron, über faschistoide Züge eines Lucius, über die Spielarten des Mordens . . . Fazit des von Generalintendant Paul Esterhazy kurz vor Mitternacht: „Es gibt Augenblicke, in denen ich stolz auf mein Publikum bin.” Na bitte.

Unter dem Motto „Heimspiel” ist Donnerstag das gastgebende Theater Aachen an der Reihe: 20 Uhr, Großes Haus, „Maria Stuart” von Friedrich Schiller. Karten in allen Zweigstellen unserer Zeitung, 0241/5101192.