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Aachen: Ein faszinierender Spagat zwischen zwei Welten

Aachen : Ein faszinierender Spagat zwischen zwei Welten

Als hörender Sohn taubstummer Eltern pendelt der 1961 in Berlin geborene Komponist Helmut Oehring in seinem Alltag zwischen Klang und Stille, Wortverdrehungen und Sprachlosigkeit.

Durch diesen Spagat und zugleich aus der Symbiose dieser beiden Welten bildet sich sein Reichtum an Sensibilität und Beobachtungsgabe. Und an diesem Reichtum lässt Oehring das Aachener Publikum nach dem sensationellen Erfolg von „BlauWaldDorf” vor zwei Jahren wiederholt teilnehmen.

Mit „Wozzeck kehrt zurück” ist ihm gemeinsam mit dem Regisseur Michael Simon und Jeremy Hulin als musikalischem Leiter ein 70 Minuten langes, optisches und akustisches Faszinosum gelungen, das mit der intensiven Sogwirkung seiner Klangbilder das Publikum für sich einnahm. Die Uraufführung fand am Samstagabend im Großen Haus statt.

Die Einführung Paul Esterhazys sensibilisiert klar und nachvollziehbar den Zuschauer für die unterschiedlichen Elemente, mit denen versucht wird, hinter den reinen Tatvorgang eines Mordes zu schauen, seine Psychologie und Dynamik zu begreifen: „Die Tat ist das eine. Das andere ist, was sonst noch geschah” wird immer wieder als Kernsatz sichtbar.

Michael Simon unterteilt den „Tatort”, an dem der Soldat Wozzeck seine untreue Geliebte Marie ermordet, in verschiedene Ebenen. Im Bühnenhintergrund intoniert der von David Marlow präparierte, beeindruckend vielschichtig deklamierende Chor Madrigale von Carlo Gesualdo, der vor 400 Jahren seine Frau ermorden ließ.

Auf einer Großleinwand davor blättert eine Hand in einem Buch; es werden durch eine fehlerhafte, automatische Internetübersetzung verfremdete Wortfetzen dieser Madrigale sichtbar. Wie sicher als Tatbeweis ist also das Wort?

Der Einsatz der Drehbühne ermöglicht wechselnde Einblicke auf riesengroße Schrifttafeln oder Möbelgruppen, die wie Beweisstücke nummeriert sind. Vor einer durchsichtigen, abschließenden Bühnenleinwand, die ebenfalls als Projektionsfläche für Schwarzweiß-Film-Einspielungen oder das Einblenden von Gebärdensprache genutzt wird, stehen die Protagonisten: handelnd, leidend, erzählend.

Dem „tönenden” Trio von Agnete Munk Rasmussen, Sibylle Fischer und Judith Berning stehen die Gebärdensolisten Christina Schönfeld, Ralf Engelmann und Jan Sell nah und intensiv zur Seite.

Als Zentrum, als Bündelung sämtlicher Eindrücke, die eigenartigerweise keine Reizüberflutung provozieren, erweisen sich jedoch die Klangteppiche Helmut Oehrings. Jazz- und Rockelemente, pulsierende Herzschlagrhythmen, Tonfolgen zwischen Melodie und Geräusch, Klangpsychologie wie in Filmsequenzen, wo die Akustik das Adrenalin unbewusst steigen lässt, schärfen die Sinne, hinterfragen Fakten und suchen nach den Gedanken des Täters und Opfers Wozzeck.

Ernsthafte Präzision

Jeremy Hulin geht mit ernsthafter Präzision an die Umsetzung dieser untermalenden wie aufrüttelnden Klangwelten und führt das auf einer Ebene mit dem Publikum agierende Orchester souverän und scharf akzentuierend durch die musikalische Welt Oehrings. Sortierend, reflektierend und interpretierend erweist sich, ergänzend zu Hulin, der grandiose Jörg Wilkendorf als Angelpunkt des Geschehens und Mittelpunkt der Produktion.

Zwischen den Solisten platziert, zaubert er mit seiner E-Gitarre Rausch und Einsamkeit hervor, gibt den Texten von Georg Büchner, Jakob Lenz und Martin Luther ein Gesicht und lässt nach der kulminierenden Akustik einer Mordekstase durch Flash-Light-Hektik in der Melancholie des schlichten „Es ist vorbei, Junimond”-Songs der Pop-Gruppe Echt Befreiung und Leere zugleich spüren.

Ein wichtiger Abend für das Theater Aachen, der Schwellenangst vor Unbekanntem überwinden hilft und eine Welt zugänglich macht, in der sich musiktheoretische Spezialisten wie unvorbereitete Laien bewegen können.