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Aachen: Ein Abend gefühlvoller Träumereien im Walzertakt

Aachen : Ein Abend gefühlvoller Träumereien im Walzertakt

Das Operettengenre gehört zur „leichten Muse”, doch will diese Kunst gelernt sein und ist keineswegs einfach. Technisches Können, respektvolle Freude und differenzierende Sensibilität sind nötig, um an das ganz spezielle Eigenleben einer Operette heranzukommen.

Den Anforderungen des 1. Sonderkonzertes der Saison „Gold und Silber”, einem Portrait des Operetten-Komponisten Franz Lehár, zeigte sich das Sinfonieorchester Aachen souverän gewachsen und beglückte das zahlreich erschienene Publikum im adventlich geschmückten Eurogress mit Evergreens und Raritäten, gefühlvollen Träumereien und raffiniertem Esprit.

Generalmusikdirektor Marcus R. Bosch, in Doppelfunktion als Conférencier und musikalischer Leiter aktiv, ließ sein Orchester einen durchgängig satten, rund timbrierten Klang produzieren, der auch in der höchst delikaten Piano-Themenwiederholung des eröffnenden „Gold und Silber”-Walzers in seiner Intensität nicht nachließ.

Süffisanz in der Militärkapellen-Polka „Korallenlippen”, Puszta-Romantik beim „Zigeunerfest”, Analyse eines Lebensgefühls bei der Konzert-Ouvertüre zur „Lustigen Witwe”, Situationskomik und Lautmalerei aus der Kinderoperette „Peter und Paul im Scharaffenland” - das Orchester zelebrierte genussreiche Stimmungen mit der charmanten Kunst der Verzögerungen und dem Auskosten des Augenblicks.

Dazwischen interpretierten Lisa Graf und Béla Mavrák Arien- und Duett-Highlights. Bis zur Pause haperte es noch in der akustischen Balance zwischen Orchester und Sängern, so dass Text und Pianokultur vom berühmten „Vilja-Lied” oder von „Schön ist die Welt” kaum auszumachen waren.

Béla Mavráks Tenor überzeugte im nachfolgenden Programm mit „Dein ist mein ganzes Herz” und „Gern hab ich die FrauÔn geküsst” durch schmetternde Höhensicherheit im schlanken Mezzoforte. Seine gelegentlich eigenen Tempovorstellungen fing das Orchester dezent auf.

Mit fein jonglierendem Spiel zwischen Legatobögen und Dramatik erfüllte Lisa Graf das Walzerlied der Anna Elisa aus „Paganini” und das sehnsüchtig temperamentvolle „Meine Lippen” der Giuditta.

Als stimmungsreicher Höhepunkt im vokalen Bereich war sicherlich die Zugabe „Lippen schweigen” anzusehen - das entspannte Publikum ließ es sich nicht nehmen, das Walzer tanzende und wunderschön weich intonierende Paar durch kollektives Mitsummen zu begleiten.

Einen anderen, jedoch von Wehmut begleiteten Höhepunkt stellte das Concertino für Violine und Orchester in h-moll dar, mit dem Alexis Vincent sein Jubiläum für zehn Jahre 1. Kapellmeister des Aachener Sinfonieorchesters feierte und gleichzeitig seinen Abschied von Aachen nahm.

Vincent präsentierte ein nahezu unbekanntes musikalisches Kleinod, das er mit Schwindel erregenden Läufen und Doppelgriffen und dem innig blühenden Vibrato seiner Goffrillo-Violine berührend und ausdrucksstark ausfüllte.

Die Aachener werden Vincents Gabe des passionierten Spiels in virtuoser Technik vermissen, die Stadt Bern kann sich ab Februar 2004 darauf freuen.