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Arlon: Dutroux: Zwölf Geschworene in Klausur

Arlon : Dutroux: Zwölf Geschworene in Klausur

In Arlon hat die Woche der Wahrheit begonnen. Fast acht Jahre nach der Festnahme von Marc Dutroux steht der mutmaßliche Kindermörder kurz vor seiner Verurteilung. Die zwölf Geschworenen des Gerichts zogen sich am Montag zu streng geheimen Beratungen über die Schuld des 47-Jährigen und seiner drei mutmaßlichen Komplizen zurück.

Das Urteil der Jury wird Mitte der Woche erwartet. Das Strafmaß wird nach belgischem Recht erst nach dem Schuldspruch ausgehandelt.

Ob der vorbestrafte Kinderschänder Dutroux lebenslang hinter Gitter muss, dürfte damit erst im Lauf der kommenden Woche feststehen Dutroux ist angeklagt, 1995 und 1996 sechs Mädchen im Alter von acht bis 19 Jahren entführt und vergewaltigt zu haben. Vier von ihnen starben an den Folgen der Misshandlungen.

Mit ihm auf der Anklagebank sitzen seine 44-jährige Ex-Frau Michelle Martin, die seine Taten gedeckt haben soll, sowie der 33-jährige Michel Lelievre, der an den Entführungen beteiligt gewesen sein soll. Daneben ist auch der zwielichtige Brüsseler Geschäftemacher Michel Nihoul angeklagt. Der 63-Jährige soll für einen Kinderprostitution-Ring verantwortlich sein, dem Dutroux als Handlanger gedient haben will.

243 Fragen

Die zwölfköpfige Jury des Schwurgerichts von Arlon begann am Montag mit ihren Beratungen über die Schuldfrage. Zuvor hatte Gerichtspräsident Stéphane Goux die Laienrichter über ihre Pflichten aufgeklärt. Die sechs Frauen und sechs Männer müssen sich durch einen mehr als 100 Seiten starken Katalog von 243 Fragen arbeiten. Die Fragen betreffen die einzelnen Anklagepunkte und die vier Angeklagten. Jede Frage muss mit „Ja” oder „Nein” beantwortet werden. Für eine Verurteilung muss die Jury in jedem Punkt eine Mehrheit von acht zu vier Stimmen erreichen. Ein globales „Schuldig” oder „Nicht Schuldig” gibt es damit nicht.

Während der geheimen Beratungen in einer Kaserne außerhalb von Arlon ist die Jury durch zwei Wachtrupps streng von der Außenwelt abgeschirmt. Fernsehen, Zeitung und Telefon sind tabu. Dadurch soll jede mögliche Einflussnahme verhindert werden. Auf die Geschworenen wartet keine leichte Aufgabe: Nach zum Teil turbulenten Verhandlungen und aufgrund der Aussage von fast 570 Zeugen müssen sie zu einer „inneren Überzeugung” über die Schuld der Angeklagten gelangen.

Zweifelsfreie Beweise fehlen

Während der 15-wöchigen Gerichtsverhandlungen konnten entscheidende Fragen jedoch nicht abschließend geklärt werden. So fehlen etwa zweifelsfreie Beweise, dass Dutroux drei ihm zur Last gelegte Morde tatsächlich beging. Er leugnete die grausame Tötung der entführten Mädchen An und Eefje und eines Komplizen bis zuletzt. Auch gilt als nicht gesichert, ob der mutmaßliche Komplize Nihoul tatsächlich der Schlüsselmann zu einem Kinderschänderring war, als den ihn Dutroux darstellt.

Beobachter rechnen daher mit erhitzten Diskussionen in der Jury. Der Schuldspruch der zwölf Geschworenen wird Mitte der Woche erwartet. Erst wenn die Jury diesen gefällt und in allen 243 Punkten vor dem Gericht verkündet hat, berät sie gemeinsam mit den drei Richtern über das Strafmaß. Zuvor halten Staatsanwaltschaft und Verteidigung noch einmal kurze Plädoyers zur Höhe der Strafe.

Dem wegen Entführung und Vergewaltigung minderjähriger Mädchen vorbestraften Dutroux droht lebenslange Haft. Seine Komplizen könnten bei einer Verurteilung mit Haftstrafen von bis zu 35 Jahren rechnen.