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Aachen: Durch alle Tiefen und Höhen der Gefühle

Aachen : Durch alle Tiefen und Höhen der Gefühle

Wenn er gefragt wird, wie er die Musik Richard Wagners und speziell die Geschichte der tragisch-geheimnisvollen Hauptfigur empfindet, breitet Woong-jo Choi spontan die Arme aus: „So groß ist das Gefühl, so groß!”

Der 33-jährige Bass-Bariton, der bereits als König Heinrich in Wagners „Lohengrin” auf der Aachener Bühne stand, wird am kommenden Sonntag, 26. August, in der Eröffnungspremiere als unglücklicher Kapitän eines Geisterschiffes im Einsatz sein: „Der fliegende Holländer”, eine Titelpartie, die es in sich hat.

„Er durchlebt alle großen Emotionen und verwandelt sich von Akt zu Akt”, so der Koreaner, der unter anderem in Wien Gesang studiert hat. Der Ortswechsel ist ihm nicht schwergefallen, betont Choi. „Im Sommer heiß, im Winter sehr kalt, da ist mir Aachen schon lieber.”

Obwohl - so ganz gefällt ihm die momentane wechselhafte Witterung nicht, die er - natürlich - am besten mit einem „Holländer”-Zitat kommentiert: „Durch Sturm und bösen Wind verschlagen, irr auf den Wassern ich umher...” Choi lacht vergnügt. „So schlimm ist es hier trotz des Regens aber auch wieder nicht.”

Wie ein Märchen

Ja, der Wagner-Text macht ihm ganz schön Arbeit, denn die deutsche Sprache trainiert er noch. „Ich arbeite alles genau durch, denn bei Wagner gibt es nichts Überflüssiges.” Gerade im „Fliegenden Holländer”, der gern als „Nachtstück” bezeichnet wird, ist der Komponist besonders ernst.

„Ich singe gern Puccini, da gibt es intensive romantische Gefühle. Aber dieser Holländer geht intensiver ans Herz, die Musik interpretiert den Text in allen Facetten, alles ist groß, magisch, fern wie ein Märchen und doch so vertraut, weil es menschlich bleibt.”

Ist es mit einer noch relativ jungen Stimme ein Risiko, Wagner zu singen? „Ich verkrafte das, es kommt nur darauf an, sich nicht zu übernehmen.” Was ihn an der Rolle des untoten Holländers so reizt, der alle sieben Jahre an Land gehen darf, um ein treu liebendes Herz und damit den Erlösungszauber zu erringen? „Dieser Mann hat alle Hoffnung aufgegeben, seine Verzweiflung ist ganz tief, tiefer geht es praktisch nicht mehr”, beschreibt es Choi.

Und dann kommt Senta, die schon im Traum die Geschichte vom bleichen Seefahrer, den nur sie retten kann, durchlebt hat und betet: „Ich seis, die dich durch ihre Treu erlöse! Mög Gottes Engel mich dir zeigen!” Aber das ahnt er zunächst nicht. „Je tiefer die Verzweiflung, umso heftiger die Hoffnung”, umschreibt Choi den Umschwung der Gefühle. „Das ist so heftig wie eine erste große Liebe, das kann man kaum ermessen.”

Und doch spricht der Holländer selbst hier von „düstrer Glut” und glaubt zunächst nicht an die reine Liebe. „Der Sturz in die Verzweiflung ist nach der großen Hoffnung umso tiefer und endgültiger”, interpretiert Choi das „Leb wohl! Fahr hin, mein Heil, in Ewigkeit!”

Das Motiv der Erlösung ist es nicht allein, das ihn bei Wagner fasziniert. „Es ist schon genial, dass der Holländer zwar an Land kommt, das Drama sich aber auf See abspielt. Wasser hat für mich immer etwas mit Geheimnis und Unsicherheit, aber zugleich mit Ruhe zu tun.”

Sind es die Extreme auf der einen Seite, ist es auf der anderen Seite Wagners Geschick, seinen Gestalten kraftvolles Leben einzuhauchen - selbst den spukenden Seeleuten. Als Bass-Bariton ist Choi bei diesem Komponisten gut aufgehoben, doch oft muss er die Väter und die Könige singen. „Manchmal beneide ich den Tenor wirklich um die Liebhaberrollen”, lacht er.

Und um Würde, Alter oder eben eine unendliche Gespensterzeit auf See sichtbar zu machen, wird in und an der Maske heftig gearbeitet. „Eineinhalb Stunden dauert es, bis ich fertig bin”, seufzt er. Damit es ihm unter einer Perücke nicht zu heiß wird, hat man sich zur mühsamen Haarverlängerung entschlossen. „Wenn ich singe, kann ich es einfach nicht vertragen, einen heißen Kopf zu bekommen”, so Choi.

Seine Träume? Natürlich gehören die Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth dazu, sowie weitere Rollen für seine Stimmlage wie etwa König Philipp in Verdis „Don Carlos”.

Privat gibt es schon ein paar erfüllte Träume: „Ich bin sehr glücklich, dass meine Frau hier bei mir ist, unser Sohn ist jetzt zwei Jahre alt, und im Februar kommt das zweite Baby...”


Zwei Kostproben bei freiem Eintritt

Bevor am 26. August am Theater Aachen die Spielzeit mit Richard Wagners „Fliegendem Holländer” (18 Uhr) offiziell eröffnet wird, bietet das Theater Aachen seinen Zuschauern zwei Kostproben an, bei denen man einen Blick auf die ersten Neuproduktionen werfen kann. Am Dienstag, 21. August, 18.30 Uhr, kann man einen ersten Eindruck von der „Holländer”-Inszenierung von Alexander Müller-Elmau bekommen.

Am darauffolgenden Mittwoch hat man um 20 Uhr Gelegenheit, einen ersten Blick auf Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels” (Kammerspiele) in der Regie von Ewa Teilmans zu werfen. Der Eintritt zu den beiden Kostproben ist frei.

Hat es Ihnen gefallen? Ihre Kritik im Internet

Wenn am Sonntag die letzten Töne des „Fliegenden Holländers” verklungen sind, können die Premierengäste direkt und ganz unmittelbar Kritiker spielen - dem Internet sei Dank.

Unsere Zeitung ist in Zusammenarbeit mit dem Theater vor Ort - genauer: direkt an der umgestalteten Abendkasse - mit einem Computerterminal vertreten. Dort können die Theatergäste uns kurz und pointiert ihre Meinung zu der Aufführung sagen. Wir stellen die Kurzkritik dann direkt ins Internet. Auch Besucher späterer Aufführungen können das Forum nutzen.

Wir werden diesen Service auch zu anderen großen Premieren im Theater anbieten. Also: Ihre Meinung ist gefragt!