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"Dramatische Sprachlosigkeit"

"Dramatische Sprachlosigkeit"

Aachen (an-o) - Die Bürger der Euregio verstehen einander immer weniger. Zu dieser Erkenntnis kommt die zweite Kammer des Euregiorates Maas-Rhein, und fordert eine drastische Kehrtwende.

Die aktuellen Schullehrpläne vernachlässigten die Sprachen der Nachbarländer, heißt es in einer Resolution. "Trotz aller Bemühungen gibt es noch immer enorme Sprachdefizite in der Euregio", sagt Heinz Kaulen, DGB-Chef der Region Süd-West und derzeit Vorsitzender der zweiten Kammer des Euregiorates. Diesseits und jenseits der Grenzen herrsche eine "dramatische Sprachlosigkeit": "Wir müssen immer wieder beobachten, dass die viel zitierte Mobilität nicht nur an nationale, sondern auch mentale Grenzen stößt".

Folgen für die Wirtschaft

Angesichts des europäischen Arbeitsmarktes wirkten sich derartige Sprachbarrieren verheerend auf die wirtschaftliche Entwicklung aus, meint Jürgen Drewes, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen.

In den vergangenen Jahren sei keine Besserung feststellbar gewesen. Im Gegenteil: "Die Sprachkompetenz der Jugendlichen geht dramatisch zurück", so Drewes. Während der Anteil von Niederländisch auf den deutschen Stundenplänen kaum steige, lernten ihrerseits immer weniger Niederländer Deutsch.

Englisch keine Alternative

In Belgien spiele die deutsche Sprache außerhalb der Deutschsprachigen Gemeinschaft kaum eine Rolle im Unterricht. "Dieser Abwärtstrend muss unverzüglich gestoppt werden. Englisch kann in der Region keine Alternative sein", fordert Drewes. Im Unternehmen müsse der Arbeitnehmer die jeweilige Landessprache beherrschen, wolle er nicht als Gastarbeiter gelten. Vor allem aber seien Sprachkenntnisse unentbehrlich, um die verschiedenen Kulturen und Mentalitäten zu verstehen und alte Vorurteile endgültig zu beseitigen.

Auf der Tagesordnung des Euregiorates

Im November werden sich auch die politischen Vertreter in der ersten Kammer des Euregiorates mit dem Thema befassen, und die Resolution - so hofft Kaulen - ebenfalls verabschieden. "Wir bauen dann auf den Einfluss von Regierungspräsident Jürgen Roters auf Landesebene, wo die Weichen für die Zukunft gestellt werden müssen", so der DGB-Chef. Denn bereits von frühester Kindheit an, also schon im Kindergarten, solle ein erster Kontakt mit Fremdsprachen stattfinden. "Gerade in diesem Alter fällt das Erlernen von Sprachen besonders leicht", erklärt Drewes.

Im übrigen müssten schon jetzt die vorhandenen Spielräume ausgenutzt werden. Insbesondere der Schüleraustausch mit Belgien und den Niederlanden sei "stark ausbaufähig". Am Ende der Entwicklung könne letztlich nur ein größerer kulturpolitischer Freiraum der Grenzregion stehen.