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Aachen: Donizettis Oper „Maria Stuarda“ im Theater Aachen als halbszenische Sparversion

Aachen : Donizettis Oper „Maria Stuarda“ im Theater Aachen als halbszenische Sparversion

Michael Schmitz-Aufterbeck ist wahrlich nicht bekannt als ein Generalintendant, der mit Holzhammermethoden die Interessen seines Hauses und der Kunst durchsetzt. Seit vielen Jahren führt er das Stadttheater unaufgeregt und mit Fortune durch die Stürme der kommunalen Sparpolitik, sein Haus hat stabilen positiven Zuspruch.

Da ist es schon fast ein dickes Ding, dass er als Reaktion auf die ihm im letzten Sommer abgenötigten Sparzusagen eine geplante Uraufführung aus dem Spielplan streicht und stattdessen eine Oper halbszenisch auf die Bühne bringt. „Maria Stuarda“, Donizettis Belcanto-Hit, wird so auch zum Statement gegen das Diktat der Kämmerei. Dass nach den jüngst positiven Signalen und konkreten, langfristigen finanziellen Zusagen aus Düsseldorf so etwas gar nicht notwendig gewesen wäre, steht auf einem anderen Blatt. „Die Zukunft sieht gut aus“, sagte Schmitz-Aufterbeck vor der Premiere, meint damit auch, dass die Verhandlungen der Partner im Fluss sind. Und verspricht, dass die Uraufführung nur aufgeschoben sei.

Ludger Engels, der lange dem Theater als künstlerischer Leiter angehörte und jetzt als freier Regisseur viel und erfolgreich experimentiert, kann sein choreografisch-musikalisch-interaktives Stück „are you there?“ also doch irgendwann in Aachen verwirklichen. Dass er nach einigem Zögern im Herbst der Bitte des Intendanten nachkam, die „Stuarda“ ohne Ausstattung zu inszenieren, bereut er heute nicht. Es sei anfangs wie eine Schreibtischarbeit gewesen, im Endeffekt aber „eine Entdeckungsreise für uns alle“, sagt er.

Die Reaktion des Premierenpublikums jedenfalls fällt nach zweieinhalb spannenden Stunden einhellig positiv, ja fast begeistert aus. Dass jedoch etliche Sessel im Saal leer bleiben, ist mit gutem Grund als Statement von Seiten des Publikums gegen die kommunale Politik zu werten. Soweit die Hintergründe eines Opernabends, der beeindruckend tief in die Abgründe der beiden Frauen blickt, die sich im England des ausgehenden 16. Jahrhunderts einen folgenreichen Kampf um den Thron lieferten. Bei Donizettis Sicht auf Schillers Schauspiel brodeln die Gefühle der Cousinen Maria Stuart und Elisabeth I. in allen musikalischen Schattierungen der Zeit. Und diesen Fokus auf die beiden Hauptpersonen behält auch Engels bei.

Opern-Ouvertüre ohne Zinnober

Endlich mal eine Opern-Ouvertüre ohne Zinnober auf der Bühne. Kapellmeister Karl Shymanovitz lässt mit dem solide disponierten Symphonieorchester Aachen die Donner grollen, stellt die großen, schmachtenden Themen vor, die fürs Ende nichts Gutes verheißen. Als der Vorhang sich teilt, ist man doch überrascht, wie viel zu sehen ist in so einer „halben Szene“. Der schwarze Raum hat Tiefe, der — unkostümierte — Chor steht hinter einer trennenden Gaze. Vorn zwei flache Podeste mit Stuhl und Tisch und Stativen, die zwei Kameras halten. Man trägt Schwarz, ein wenig Weiß. Nur im Hintergrund sitzt eine Frau und schneidert etwas Rotes — das Kleid, in dem Maria vor den Henker tritt.

Engels’ Signale sind subtil, aber ungemein wirksam. Das Drama um die Titelheldin ist am Fortgang der Schneiderarbeit nachzuvollziehen. Die „Schöne“ Maria legt vor dem dramatischen Höhepunkt, dem Gespräch mit dem „Biest“ Elisabeth, Lippenstift auf — den wiederum die Kühle nachher für sich vereinnahmt: unter der Oberfläche gärt die Sehnsucht nach „Schönheit“, was in diesem Fall eine Mischung aus Selbstbewusstheit und Geborgenheit in religiöser Identität sein mag.

Engels fokussiert auch mit den Kameras, die die beiden Kontrahentinnen porträthaft in die Leere des Raums vergrößern. Da gibt es Masken und deren Brüchigkeit, da sind Blicke möglich, wie sonst nicht in der Wirklichkeit. Und der Bühnenraum selbst, so untapeziert er auch sein mag, taugt für solch Hintergründigkeiten wie den Hüftschwungwalzer der Tyrannin zur Leidens-Arie der zum Tod verurteilten Titelheldin.

Die Regie also legt bloß. Und das ist wunderbar. Auch die Solisten agieren auf dem Präsentierteller. Im Verlauf dieses „Schachspiels“ um Macht, Recht und Rache agieren sämtlich glaubhafte Figuren: die treue Amme (stimmlich sehr fein: Milena Knauß), der berechnende Cecil (düster: Pawel Lawreszuk), Beichtvater Talbot (mit fast zu großer Stimme: Woong-jo Choi), der von beiden Frauen begehrte Roberto (Alexey Sayapin strahlt mit edlem Tenor.

Julia Mintzer, Gast aus Schleswig-Holstein, überzeugt mit kühlem, spannend geführten Mezzo als Elisabetta; Irina Popova hat die Schönheit und die brennenden Gefühle der Maria in allen Registern ihres Soprans, mit überraschenden Einschränkungen in der Höhe. Chor und Extrachor können sich — gänzlich aufs Stehen beschränkt — auf Wohlklang konzentrieren. Und so erreicht diese „Stuarda“ ein musikalisch sehr respektables Niveau.

Jetzt könnte man fragen: Was spart so eine reduzierte Produktion ein? Bühnenbild, klar, aber die Werkstätten müssen doch sowieso unterhalten werden. Kostüme, klar, aber die Kostümbildner sind fest angestellt. Man könnte auch fragen: Was gewinnt so eine reduzierte Produktion? Und da lautet die Antwort in diesem Fall — neben dem sprechenden Zeichen an die Politik: einen reduzierten, klaren Blick auf einen Klassiker.