1. Kultur

Aachen: Dominique Horwitz: „Als hätte er über uns selbst geschrieben“

Aachen : Dominique Horwitz: „Als hätte er über uns selbst geschrieben“

Zigarette im Mund, eine Stimme, die unter die Haut geht — die Auftritte des belgischen Chansonniers und Schauspielers Jacques Brel (1929-1978) sind unvergesslich. Jetzt wandelt der in Paris geborene und in Deutschland lebende Sänger, Schauspieler und Schriftsteller Dominique Horwitz auf den Spuren des legendären Künstlers und interpretiert die emotionsgeladenen Chansons Jacques Brels auf seine eigene Weise.

Im Rahmen des Kulturfestivals der Städteregion Aachen gastiert Horwitz, am Klavier begleitet von Andreas Reukauf, an diesem Freitag in der Europaschule Herzogenrath. Das Konzert ist ausverkauft. Wir haben Dominique Horwitz, der durch seine Auftritte in Film, Fernsehen auf der Bühne zu den markantesten Köpfen der deutschen Schauspieler-Zunft gehört, einige Fragen gestellt.

Haben Sie den Erfolg Ihres ersten Romans „Tod in Weimar“ schon verdaut? Wenn man auf Ihren Terminplan schaut, dann scheint alles andere als Ausruhen angesagt.

Horwitz: Haben sich Erfolg und Ausruhen jemals vertragen?

Sie kamen als Kind jüdischer Eltern zur Welt. Welche Rolle spielt das Judentum in Ihrem Leben, hat jüdisches Kulturverständnis Ihre Arbeit beeinflusst?

Horwitz: Ebenso wie die Gewissheit, die Erde sei eine Scheibe und der Mensch ein vollkommenes Wesen. Absolut nicht.

Wann und wie trat Jacques Brel in Ihr Leben?

Horwitz: Wann, lässt sich leider nicht mehr sagen. Da ich als Kind in Frankreich lebte, muss ich mich wohl sehr, sehr früh mit ihm infiziert haben. Seitdem trage ich ihn in mir. Und er wird mich, darüber bin ich sehr froh, niemals verlassen.

Wie ist die Auswahl für Ihr Brel-Programm zustande gekommen?

Horwitz: Die Chansons müssen mir Raum lassen, als Schauspieler zu agieren. Und sie müssen möglichst facettenreich das Leben abbilden.

Wie erklären Sie unbedarften Zuhörern die Magie des Chansons — von Brel und ganz allgemein?

Horwitz: Brel ist unter den Chansonniers ein ganz besonderer. Die Figuren, in die ich schlüpfen darf, sind nicht immer die glücklichsten, dafür sind sie leidenschaftlich und manchmal schamlos bis zur Selbstentblößung. Auf jeden Fall sind sie uns so vertraut, als hätte Brel über uns selbst geschrieben.

Macht es dem Franzosen in Ihnen etwas aus, dass Brel eigentlich ein gebürtiger Belgier war?

Horwitz: Ebenso wenig, wie es dem Publikum etwas ausmacht, dass der deutschsprachige Schauspieler und Sänger Dominique Horwitz einen französischen Pass hat.

Von Weimar nach Herzogenrath: Hier treten Sie in der Region Aachen auf, einer liebenswerten Kulturprovinz. Spüren Sie eine Art Bildungsauftrag?

Horwitz: Keineswegs. Ich liebe meinen Beruf und im Allgemeinen das Leben. Ich verspüre eher die Lust, dieses mit den Zuschauern zu teilen.

Das Kulturfestival der Städteregion trägt ein schlankes „X“ als Namenszusatz, es soll laut den Machern für Neues und Spannendes stehen. Was könnte ein X in Ihrem Kulturverständnis ausmachen?

Horwitz: Grundsätzlich alles, was uns geistig wachsen lässt. Also auch gutes Essen.

Ihr Rollenspektrum auf der Leinwand reicht vom Weltkriegssoldaten in „Stalingrad“ bis zum Fiesling im Kinderfilm „Sams in Gefahr“. Im Theater gaben Sie Cyrano de Bergerac, für „Ich mach ja doch, was ich will“ haben Sie als Charlotte von Mahlsdorf Frauenkleider getragen. Welche Figur würden Sie als größte Herausforderung nennen?

Horwitz: Dominique Horwitz als Privatperson. Dem bin ich in den letzten Jahren nur rudimentär begegnet. Ich freue mich schon darauf, ihn ein wenig besser kennenzulernen.

Gibt es noch Wünsche und neue Herausforderungen, denen Sie sich gern stellen würden?

Horwitz: Trotz meines unsteten Geistes bin ich im Moment sehr zufrieden. An Herausforderungen mangelt es mir nicht. Mit den Jahren lernt man, dass die wirklich wichtigen Aufgaben einen auch aufsuchen, man muss sich nicht immer auf den Weg machen, um sie zu finden.