Dörte Hansen legt mit „Mittagsstunde“ nach

„Mittagsstunde“ von Dörte Hansen : Zurück im Dorf der Kindheit

„Man hörte keine Tiere mehr. Auch nicht die Stimmen, die die Tiere riefen, laut genug, um große Felder zu beschallen, wen sollten sie auch rufen, auf den Weiden standen kaum noch Kühe. Ingwer schienen, wenn er durch das Dorf ging, nur noch Dinge einzufallen, die verschwunden waren. Milchkannen, Pfützen auf dem Hof, Ulmen mit verschränkten Zweigen.“

Das Dorf ist fiktiv und trägt den Namen Brinkebüll. Wie eins von vielen, tatsächlich existierenden Dörfern, die in Schleswig-Holstein liegen, deren Endung aus dem Dänischen stammt und so viel wie Wohnstätte oder Siedlung bedeutet. In einem dieser Dörfer, auch wenn es nicht mit -büll endet, ist Dörte Hansen aufgewachsen.

Mit ihrem neuen Roman „Mittagsstunde“ geht die Autorin, deren Debüt „Altes Land“ sich in Deutschland 900.000 Mal verkaufte, zurück an ihre Ursprünge. „Ich wollte erzählen von einem Verlust, von dem, was verloren gegangen ist durch das Sterben der Dörfer und Höfe, der Pflanzen und Tiere und auch der Geräusche, der ganzen dörflichen Lebensweise“, sagte sie unlängst auf einer Lesung in Köln. Aber „Mittagsstunde“ ist auch eine Geschichte vom Gewinnen. Der Gewinner heißt Ingwer Feddersen. Wie die Autorin kam er in den 60er Jahren auf dem Land zur Welt, ein kluger Schüler, der zum Studium in die Großstadt ging.

Aber er hat ein Problem: „Er selbst war das Problem. Dr. Ingwer Feddersen, der immer schön den Unverkopften gab, den Bodenständigen, in einer Hand die Buddel Flens und in der anderen die Selbstgedrehte.“ Ein Plattschnacker und Doppelkopfspieler mit dickem Fell und sonnigem Gemüt. Der aber in Kiel, wo er seit Jahrzehnten in einer ewig gestrigen Dreier-WG und -Beziehung lebt, den anderen Teil immer unterschlagen hat: „den Wissenschaftler, Hochschullehrer, Arte-Gucker, Lyrik-Leser, Wanderer und Steinesammler. Denker. Auch den Dünnhäutigen und leicht zu Kränkenden, der auf dem Fahrrad saß und alte Schulgedichte aufsagte.“

Ingwer, dessen Name nichts mit der gleichnamigen Heilpflanze zu tun hat, sondern so heißt, wie man in Friesland heißt – Heiko, Gönke oder Sönke, ist zwischen die Welten geraten. Er weiß nicht mehr, wer er ist. Was ihm erst bewusst wird, als er in sein Heimatdorf zurückkehrt, um sich um seine an Demenz erkrankte Großmutter und den körperlich stark abbauenden Großvater zu kümmern. Und um den Gasthof, der seine besten Zeiten längst hinter sich hat.

Dörte Hansen: „Mittagsstunde“. 320 Seiten, 22 Euro, Penguin. Foto: penguin verlag

Für den Großvater, der ihn – als uneheliches Kind – an Vaters statt großzog, ist er ein Verräter, der, statt in den vorgegebenen Bahnen die gewünschte Nachfolge anzutreten, zum „Studierer“ geworden ist. Studierer wie Verlierer. Oder einer, der desertiert ist. Ein Fahnenflüchtiger der Feddersenschen Familientradition. Am Ende wird er seinen Frieden machen – mit sich und mit den beiden Welten, in denen er zu Hause ist und sich dennoch immer wie ein Fremder vorkam. Und auch ein Stück Weisheit ist ihm vergönnt: „Der Wind war immer noch der alte. Er schliff die Steine ab und knickte Bäume, beugte Rücken. Auch diesem alten Wind war es egal, was Menschen taten, ob sie blieben oder weiterwanderten. Es ging hier gar nicht um das bisschen Mensch.“

Kassandra

Hansen, die im nordfriesischen Högel zur Welt kam, wo heute noch kaum 500 Menschen leben, erzählt ihren Roman auf zwei Zeitebenen. Die eine spielt in den 60er Jahren, die andere heute. Man sieht eine Welt, die es heute nicht mehr gibt, mit den Kinderaugen von Ingwer und mit denen seiner Mutter Marret. Einst der singende „Stern von Brinkebüll“, mit 17 von einem Landvermesser geschwängert, ein Naturkind, das sich in Wiesen und Hecken versteckt, „eine Meisterin des Verschwindens“. Später wird sie mit Holzlatschen durchs Dorf klappern, als „verdreiht“ gelten, eine Verkünderin des Untergangs, die mehr sieht als die anderen, weil sie die Zeichen zu deuten weiß. Aber niemand will ihr glauben. Kassandra in Friesland.

All das ist in einer bildgewaltigen Sprache geschrieben, die wehmütig und wund und zugleich warm macht. Hindurch geistern, wie Schallplatten, die leise im Hintergrund laufen, Schlager und Songs. Jedes Kapitel ist mit einem Liedtitel überschrieben – der Soundtrack für ein halbes Jahrhundert. Hansen ist ein zärtliches, ironisches, wahrhaftiges Buch gelungen.

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