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Kassel: „documenta 11”: Wird die Kunst zu Gunsten der Politik missbraucht?

Kassel : „documenta 11”: Wird die Kunst zu Gunsten der Politik missbraucht?

Als Weltkunstschau wirbt die documenta in Kassel schon lange für sich, doch erst in diesem Jahr richtete die Ausstellung ihren Blick erstmals wirklich über Europa und den Westen hinaus auf andere Erdteile.

Der aus Nigeria stammende Kurator Okwui Enwezor konzipierte die an diesem Sonntag zu Ende gehende documenta 11 bewusst politisch und rückte die Lage in Drittwelt-Ländern nach dem Ende des Kolonianismus in den Mittelpunkt.

In Kunstkreisen löste das Konzept allerdings ein geteiltes Echo aus. Das Anprangern von Missständen sei zwar gut, aber die Kunst sei ins Hintertreffen geraten, hieß es.

Der auf afrikanische Kunst spezialisierte Berliner Galerist Peter Herrmann meint: „Ja, es bringt etwas, weil die Probleme dieser Länder einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich werden.”

Zugleich aber werde die Kunst missbraucht. Die in Kassel ausgestellte Betroffenheitskunst stoße in der Bevölkerung auf Ablehnung. „Dass die Kolonialzeit an allem schuld ist, will keiner mehr hören.” Das sei nicht die Diskussionsebene, auf der der Westen heutzutage mit afrikanischen Ländern umgehe.

Die documenta illustriert nach Ansicht des Galeristen zwar Probleme, biete aber keine Visionen zu ihrer Lösung. „Wenn die Leute sich ein paar nette Bilder über Kamerun angeguckt haben, wem bringt das etwas?”

Auf der Ausstellung gebe es einen unglaublichen Überhang des reinen Dokumentarfilms. „Was macht das auf einer documenta?”, fragt Herrmann.

„Mit Blick auf die Menschenrechte ist das Konzept der Ausstellung positiv”, sagt die Referentin für audio-visuelle Medien der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, Brita Lax-Engel, „prinzipiell finden wir das gut, das trägt zur Bewusstseinsbildung bei.”

Amnesty habe deshalb Interesse gehabt, sich an der documenta 11 zu beteiligen, auf mehrfache Anfragen von den Organisatoren aber nie eine Antwort erhalten. Ob die documenta als Kunstschau auf die Lage in Entwicklungsländer wirklich Einfluss habe, lasse sich schwer beurteilen. „Es ist die Frage, ob die Kunst sich so in den Dienst solcher Überlegungen stellen sollte.”

Interesse am Blick der documenta auf die Dritte Welt zeigte auch das Hilfswerk Misereor, das in Kassel mit einer künstlerisch gestalteten Straßenbahn für den Frieden in der Welt warb.

Da der documenta-Chef Frieden, Versöhnung und Globalisierung zum Thema wählte, habe Misereor Kontakt zu der weltlichen Ausstellung gesucht, sagt Misereor-Sprecher Georg Larscheid. Die Hoffnung sei gewesen, dass die Schau der Darstellung des Themas in der Öffentlichkeit diene.

Misereor wolle der documenta auch für die Zukunft eine Zusammenarbeit zur besseren Präsentation von Drittwelt-Künstlern vorschlagen.

Ein gestiegenes Interesse an der documenta verzeichneten die Ausstellungsmacher bei Journalisten nichtwestlicher Medien. Vor allem aus Lateinamerika und Afrika seien mehr Reporter als sonst nach Kassel angereist, sagt der documenta-Sprecher, „das liegt sicher auch daran, dass die Themen und Herangehensweise interessant sind.”

Wegen des Schwerpunkts der documenta 11 sei erstmals eine Zusammenarbeit mit Stiftungen der wirtschaftlichen Entwicklungshilfe vereinbart worden. Unterstützung kam von der Ford-Foundation und dem Prince Claus Fond.