Aachen: Dmitry Masleev glänzt beim vierten Meisterkonzert

Aachen: Dmitry Masleev glänzt beim vierten Meisterkonzert

Der Nachschub an außergewöhnlichen Klavier-Begabungen aus den russischen Talentschmieden reißt nicht ab. Wer sich in diesem Umfeld international von der erdrückenden Konkurrenz abheben will, muss schon Besonderes bieten.

Der erste Preis im Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb — einem der anspruchsvollsten seiner Art — könnte da Schützenhilfe leisten. Und so fand mit dem 27-jährigen Sibirier Dmitry Masleev der erste Preisträger des letztjährigen Wettbewerbs für das vierte Meisterkonzert seinen verdienten Platz im mäßig besuchten Aachener Eurogress.

Die bunt zusammengewürfelte Werkfolge ließ noch kein stringentes programmatisches Konzept erkennen, taugte aber als Leistungsschau des hochbegabten Musikers. Von der heute als selbstverständlich vorausgesetzten manuellen Perfektion abgesehen, besticht Masleev insbesondere durch seine hypersensible und leuchtkräftige Anschlagskultur, die sich vor allem in lyrischen Passagen ungestört entfalten kann.

Der langsame Satz aus Robert Schumanns 1. Klaviersonate, ein wunderbar duftig gestalteter „Elegischer Gesang“ von Tschaikowsky und vor allem die melancholisch durchtränkte „Sonata reminiscenza a-Moll“ op. 38 Nr. 1 des Russen Nikolai Medtner entpuppten sich als Highlights des Abends. Medtner konnte sich einen sehr persönlich geprägten Platz zwischen Skrjabin und Rachmaninow erobern, auf dem sich Masleev außerordentlich wohl zu fühlen scheint.

Auch die 1. Partita in B-Dur von Johann Sebastian Bach gefiel durch Masleevs unprätentiösen und leichten Anschlag. Und Liszts Bearbeitung von Schuberts „Lied Auf dem Wasser zu singen“ empfahl den jungen Mann als glänzenden Chopin-Interpreten, auch wenn der polnische Meister nicht auf dem Programm vertreten war.

Dass der junge Musiker auch kraftstrotzende virtuose Schlachtrösser bändigen kann wie etwa Liszts „Wilde Jagd“ oder den von Liszt und Horowitz technisch überfrachteten „Totentanz“ von Camille Saint-Saëns, gehört zu den Voraussetzungen einer vielversprechenden Karriere. Allerdings wirkte Masleev hier weit weniger inspiriert als in Stücken, in denen er den Tönen und Phrasen mit seiner schillernd farbigen Anschlagskultur Leben einzuhauchen vermag.

Masleevs Terminkalender führt ihn mittlerweile durch die ganze Welt, darunter am 27. Mai mit dem nahezu identischen Programm zum Klavier-Festival Ruhr nach Bochum. Und dass er seine Gage der gemeinnützigen Vereinigung „Gift of Life“ zur Verfügung stellt, bringt ihm weitere Sympathiepunkte ein.

Begeisterter Beifall für eine hochkarätige Talentprobe.

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