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Aachen: Diskussion über Tat und Gesinnung

Aachen : Diskussion über Tat und Gesinnung

Eine Frau und vier Männer sind die tragenden Gestalten in Albert Camus Schauspiel „Die Gerechten”.

Am 15. Dezember 1949 in Paris uraufgeführt, hat dieses Werk bis heute seine Brisanz nicht verloren. In Zeiten von Terror und Selbstmordattentaten hat sich die finstere Realitätsnähe des in strenger Klarheit aufgebauten Dialogstücks sogar noch extrem verstärkt.

In seiner Inszenierung folgt Wulf Twiehaus in den Kammerspielern des Theaters Aachen mit wohltuender Konsequenz den historisch untermauerten Vorgaben. Das Stück basiert auf Tatsachen: 1905 verübten russische Terroristen ein Attentat auf den Großfürsten Sergej, den Onkel des Zaren. Der erste Versuch scheiterte, weil zwei Kinder in der Kutsche mitfuhren.

Und damit beginnt das Stück: Kaljajew (Rufname Janek) ist von ihrem Anblick so bewegt, dass er die Tat nicht verübt. Beim zweiten Versuch zündet er schließlich die Bombe.

Gibt es den „gerechten Mord”? Rechtfertigt der Kampf für Leben und Freiheit den Tod Unschuldiger? Zählen Einzelschicksale in solchen Zeiten? Ernsthaftigkeit und das spürbare Bewusstsein, einen damals wie heute aktiven Konflikt dieser Welt zu behandeln, prägen das Spiel der fünf Akteure.

Die glühende Leidenschaft des Attentäters und seine Irritation, die Nachdenklichkeit, die das Zögern auf der einen Seite weckt, sowie die unerbittliche Ablehnung auf der Seite des Andersdenkenden - all das setzen die Akteure in spannungsreichem Spiel um.

Judica Albrecht ist eine tief empfindende Dora, eine starke Persönlichkeit. Samuel Zumbühl ein Janek, dem man den innern Konflikt in jedem Blick, jeder Geste ansieht. Jens Wachholz als Stephan verkörpert den Kämpfer, der das Einzelschicksal dem Umsturz unterwerfen will.

Joey Zimmermann prägt als Boris den Kopf dieser „Zelle”, der unter der Entscheidungslast leidet, Karsten Meyer als Woinow gibt seiner Rolle intellektuelle Prägung.

Begriffe wie Liebe und Glück, Hass und Zärtlichkeit verbinden sich in der Enge der von Katrin Hieronimus spartanisch gestalteten Bühne unausweichlich mit den Fragen nach der Berechtigung revolutionären Tuns. Katharina Beth sorgte mit gegenwärtigen Kostümen für ein zeitloses Gefühl von Kälte und Frösteln.

Die musikalischen Impressionen von Jörg Gollasch mit schrillem E-Gitarren-Schreien könnten sparsamer eingesetzt werden. Was anfangs beeindruckt, schmerzt nachher nur noch in den Ohren.

Und immer wieder diese Frage: Kann Morden gerecht sein? Dann die nächste Stufe: Wird der Mord durch Sühne, also durch die Selbstopferung des Attentäters, moralisch „gereinigt”? Wie im realen Geschehen lehnt auch im Stück Janek die Begnadigung ab. Er verrät seine Kameraden nicht und geht in den Tod. Eine schwärmerische Verklärung folgt.

Gelingt es bis zum Zeitpunkt des Attentates, die Gedankenstränge zu bündeln und mit bewegender Nüchternheit zu kreuzen, um damit die jeweiligen Positionen deutlich herauszuarbeiten und zu umkreisen, so irrt im komplizierten Schlussteil des Stücks die Inszenierung ab ins Diffuse. Der didaktische Ansatz eines Albert Camus ist daran sicherlich beteiligt.

Dennoch ein Abend, der beeindruckt - nicht zuletzt durch die hervorragende Leistung des Ensembles. Kräftiger Beifall. Nächste Aufführungen am 23. und 26. November, 20 Uhr.