Aachen: Digitales wirkt wie gemalt: Ausstellung beim Neuen Aachener Kunstverein

Aachen : Digitales wirkt wie gemalt: Ausstellung beim Neuen Aachener Kunstverein

Zwei Räume, zwei Künstler, zwei Positionen — das aktuelle Szenario im Neuen Aachener Kunstverein wirkt auf den ersten Blick angenehm symmetrisch und überschaubar. Die Kunstoase am Rande des Aachener Stadtparks würde ihrem Ruf allerdings kaum gerecht, wenn das Gebotene nicht eine veritable Tiefe zu bieten hätte oder allzu simplen Zugangsvoraussetzungen unterläge.

Die Schau mit Arbeiten von Tim Berresheim und Dominik Halmer — Eröffnung ist am Samstag — untermauert einmal mehr den Anspruch des NAK als Aachens Nummer-Eins-Schauplatz für zeitgenössische Kunst.

Die beiden Ex-Studienkollegen der Düsseldorfer Kunstakademie haben sich dort zu ihrer ersten Duo-Ausstellung zusammengetan, das Hinterfragen von Realität und Illusion lautete der gemeinsame Arbeitsauftrag. Der Titel „Suspension of Disbelief“ — etwa: „willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit“ — geht auf den Romantikdichter Samuel Taylor Coleridge zurück. Was von außen sperrig wirkt, lässt sich in der Betrachtung konkretisieren. Berresheim, weltgereister Lokalmatador, stellt neue Arbeiten solchen aus seinem Fundus entgegen — wie gewohnt digital erstellt und mit einer Wirkung ausgestattet, die sich auf dem besten Weg zur „Berresheimhaftigkeit“ entwickelt.

„Ich begebe mich hier in Revision, soll heißen, ich hinterfrage herzhaft meine eigenen Sachen von vor ein paar Jahren“, erklärt Berresheim, der dem Grenzland-Publikum spätestens seit seiner Werkschauhaften Ausstellung im Ludwig Forum 2015/2016 ein Begriff ist. Wo andere in Lagern kramen, öffnet er lange unberührte Dateien, überdenkt einstige Anordnungen in einer Vielzahl von Computertools und bringt das künstlerische Update hervor.

Ob abgehangen oder aktuell, nicht erst seit gestern nutzt der Digitalkünstler Hilfsmittel zur sichtbaren Dimensionserweiterung: Smartphone-App und 3-D-Brille — am Eingang erhältlich — geben auch im NAK mehrwertige Ausstellungsbegleiter ab. So wirkt sogar das nahe gelegene Kongressdenkmal als 3-D-Tapete wie im Schaukasten ausgestellt. Dass Berresheim dabei technische Möglichkeiten zur Erstellung von Dreidimensionalität aufs Äußerste ausreizt, wirkt beinahe logisch.

Auch Halmers Arbeiten erweitern den Realitätsbegriff, für den gebürtigen Münchener bereits im Schaffensprozess, für den Betrachter im Angesicht einer Malerei, die sich mit warmen Alltagsfarben, erdigen Flecken und fantastischen Gebilden den Weg in den echten Raum zu bahnen scheint und gleichzeitig durch rasterhafte Formen und Objekte wie computergeneriert wirkt. Und dann ist da noch dieser wiederkehrende Holzring samt schwarzem Punkt, den Halmer selbst das „Simpson-Auge“ nennt, in Anlehnung an die Zeichentrick-Serie.

„Ich bin beinahe besessen von Punkten, die im Alltag auftauchen“, sagt Halmer nicht frei von Ironie. „Diese Elemente tauchen immer wieder auf, bis sie zur Gewohnheit werden und in die Realität hereinragen.“ Großformatige Bilder, Objektbeladene Tapeten als Dimensions, gerahmte Kunstwerke — zusammen entfalten Berresheims und Halmers Werke eine Stimmung, in der digital Komponiertes wie gemalt wirkt — und umgekehrt. Die temporären Türen in andere Welten lassen sich am 29. Juni (19 Uhr) auch gemeinsam mit Tim Berresheim aufstoßen —im Rahmen einer Katalogpräsentation im NAK.