Jülich: Dieses Wunderkind hat etwas zu sagen

Jülich : Dieses Wunderkind hat etwas zu sagen

Sicher, so einem Wunderkind-Konzert ist ein Hauch von Zirkus eigen. So wundert es kaum, dass zum Klavier-Recital der zehnjährigen Laetitia Hahn derart viele Schau- und Hörlustige in die Schlosskapelle der Jülicher Zitadelle geströmt sind, dass etliche stehen müssen.

Als das Objekt der Neugierde dann lächelnd in einem cremeweißen Gaze-Kleidchen mit schwarzer Bauchbinde und die Lockenpracht bändigenden Haarreifen vor den Steinway tritt, sich auf die Spitzen der Lack-Ballerinas stellt und dem Applaus mit einer tiefen Verbeugung begegnet, riecht es nach Salto mortale.

Wenige Augenblicke später ist das Bild vom Zirkus verflogen und dem Erstaunen über eine junge, ja man kann schon sagen: Persönlichkeit gewichen. Von den ersten Tönen an, die sich zur Allemande aus Bachs 5. Französischer Suite verbinden, macht dieses püppchenhaft gestylte Kind deutlich: Ich habe etwas zu sagen mit der Musik, für deren Ausführung und geistige Durchdringung ich im Grunde viel zu jung bin. Wunderbar perlen die Achtel zu beschwingtem Tanz, tadellos durchsichtig kommunizieren die Linien der linken und rechten Hand, locker entspinnt sich das Bach’sche Stimmengeflecht. Leicht wiegt die „Fröhliche“, wie ihre Eltern sie getauft haben, mit den Schultern beim Auf und Ab der Arpeggien, und wenn sie später einmal eine zarte Melodie besonders hervorheben will, dann schlägt sie die Augen auf und schaut versonnen direkt ins Objektiv des Camcorders, den der Papa in Position gebracht hat. Ganz großes Kino.

Im Verlauf des zweistündigen Konzerts, das auf Bach Mozarts F-Dur-Sonate, Prokofjeffs „Visions fugitives“ und nach der Pause Beethovens „Pathétique“ nebst Mendelssohns „Rondo capriccioso“ folgen lässt, wird aus Staunen Gewissheit, dass hier ein außerordentlich großes Talent am Werk ist. Dieses Mädchen, das der Klavierpädagoge Heribert Koch aus Langerwehe offenbar äußerst fürsorglich unter seine Fittiche genommen hat, kann schon ganz, ganz viel. Geläufigkeit und unglaubliche Sicherheit könnte man vielleicht auch durch Drill erzwingen, Musikalität sicher nicht. Und davon hat diese junge Person wahrlich viel.

Und sie wird weiter lernen: musikalische Gedanken noch plastischer zu trennen; vor lauter Freude über das eigene Können das Atmen nicht zu vergessen; das Unerhörte bei Beethoven zu erkennen und auch unerhört zu zelebrieren. Das Publikum ist vor Staunen und Rührung schier aus dem Häuschen.

Gleiches Programm am 22. Juni, 17 Uhr, im Beethoven-Haus Bonn.