Lüttich: Diese Wagner-Oper klingt nach einem Platzkonzert

Lüttich: Diese Wagner-Oper klingt nach einem Platzkonzert

Den Ruf eines begnadeten Verdi-Spezialisten hat er sich weit über Lüttich hinaus erarbeitet. Jetzt ist er fremdgegangen. Paolo Arrivabeni, musikalischer Leiter der Opéra Royal de Wallonie, dirigiert zum ersten Mal Wagner und hat sich dafür die klassische Einstiegsdroge ausgesucht.

„Der fliegende Holländer” stellt an Orchester sowie Hörgewohnheiten und Sitzfleisch der Zuschauer (keine drei Stunden dauert die in Lüttich mit Pause gespielte Aufführung) vergleichsweise moderate Ansprüche. Und doch geht das Debüt schief.

Wofür Arrivabeni zunächst gar nichts kann. Das Grundproblem ist die Sitzordnung des Orchesters. Seit zwei Jahren spielt die Lütticher Oper wegen Renovierungsarbeiten in einem Zelt.

Die Akustik dort ist ausgezeichnet. Die Musiker spielen ebenerdig auf einem schmalen, etwa dreißig Meter langen Streifen vor der Bühne. Diese extrem in die Breite gezogene Anordnung führt zu einem ungewöhnlichen Klang. Die Instrumente mischen sich weniger. Das Hören ist selektiv. Die Musik wirkt transparenter, schlanker.

Pompöses Motiv

Im italienischen Repertoire brachte das großartige Ergebnisse. Für Wagner ist diese Anordnung Gift. Sie ist das Anti-Bayreuth. Dort geht es um einen allgegenwärtigen, mit Schalldeckeln diffus umgelenkten Mischklang. In Lüttich wird der „Holländer” in geheimnisloser Direktheit banalisiert.

So treten auch die Schwächen Arrivabenis zutage. Der schauerromantische Touch der Oper ist ihm fremd. Das Holländer-Motiv wirkt nicht ungeheuerlich, sondern pompös. Die Senta-Stellen lieblich-schön, nicht sehnsuchtsvoll. Anstelle einer permanenten Grundspannung setzt er den wohlgestalteten Spannungsbogen. Kurz: Es klingt mehr nach Platzkonzert als nach Oper.

Zumal auch Mark Rucker als Holländer den Eindruck hinterlässt, sich die Partie nur mühsam eingetrichtert zu haben. Rucker ist ein relativ hoher Bariton, die abgrundtiefe Verlorenheit der großen Bassbaritone, die die Aufführungsgeschichte des „Holländers” prägten, fehlt ihm. Veritabler Wagner-Sound ist so nur von Corby Welch als Erik und der alle überragenden Manuela Uhl als Senta zu hören.

Mittel des Films

Regisseur Petrika Ionesco versucht, Film mit den Mitteln des Theaters zu machen. Ständig blitzt es, knarzt, dreht und verschiebt sich ein Bühnenelement vom Friedhof-Setting zum Schiffsdeck und weiter zur Spinnstube.

Spätestens, wenn der Holländer zum Weiterflug auf dem tangdekorierten Anker den Sicherheitsbügel vor dem Bauch einrasten lässt, fühlt man sich in die Themen-Geisterbahn „Fluch der Karibik” versetzt.

Zelt ist hier ungünstig

Die Musik drängt dieser unsensibel sich aufspielende Bühnenaktionismus an den Rand.

Und beides scheitert am Zelt. Ionescos rumpelnde Bühnenshow, weil es keinen Schnürboden gibt. Die Musik, weil ein Orchestergraben fehlt.

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