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Aachen: Die Suche nach Schlaf auf der Autobahn

Aachen : Die Suche nach Schlaf auf der Autobahn

Der Schweiß am Rücken ist noch nicht getrocknet. „Eine Dusche, das wäre jetzt prima”, sagt Josef Gerrards. An seinem 40-Tonner tropft das Kondenswasser vom Motorblock. Sonst nichts. Weit und breit keine sanitäre Einrichtung, auch keine Toilette.

Acht Stunden auf der Autobahn liegen hinter dem Mann mit der Trucker-Mütze. Jetzt muss er Pause machen. Vorschrift. Ob er auf einem Rastplatz unterkommt, spielt keine Rolle. Alltag. Deshalb hat er immer einen Kanister Wasser dabei. „Katzenwäsche”, sagt er. „Muss reichen.”

Im Ordnungsamt in Eschweiler kennt man das Thema. „Ein Riesenproblem”, sagt der Leiter, Edmund Müller. Um die Anschlussstelle Eschweiler und im angerenzenden Gewerbegebiet haben die Ordnungshüter alle Hände voll zu tun. Die Lkw seien in letzter Zeit vermehrt zum Störfaktor geworden, sagt er. Rettungswege werden blockiert, Parkraum wird knapp.

Lkw als Störfaktor

Aber nicht nur die Straßenverkehrsordnung, auch die öffentliche Ordnung ist in Mitleidenschaft gezogen. „Klar”, sagt Müller, „die Fahrer müssen ja auch irgendwo ihre Notdurft verrichten.” Einen Vorwurf macht Müller den Truckern aber nicht. „Opfer widriger Umstände”, nennt er sie.

An der A4, kurz vor dem Rasthof Aachen-Nord, stehen die Lkw bis auf den Standstreifen. Offiziell sind auf dem Rastplatz 36 Lkw-Stellplätze ausgewiesen, an den meisten Tagen parken hier wohl über 100 - manche sogar auf der Beschleunigungsspur. Für Busse, für Reisende, für all die anderen, die eine kurze Rast machen wollen, ist kein Platz mehr. Dicht an dicht stehen die 40-Tonner.

Damit das Chaos nicht zum Alltag wird, stellen die Behörden Barken auf die Standspur. Zudem sollen neue Schilder, Markierungen und Schwellen die Lkw-Flut eindämmen. Versuche - mehr nicht. Chaos kann man nicht beherrschen. Die neuen Begrenzungstonnen sind schon vier Mal kurz und klein gefahren worden. An manchen Tagen regeln jetzt Verkehrskadetten den Verkehr auf der Raststätte.

Von deren Betreiberseite will niemand eine Stellungnahme abgeben. Man hört aber, dass die Situation dramatisch ist. Die neue Lenkpausenregelung (siehe Box) habe das Problem noch einmal verschärft. Von den Behörden werde zwar viel getan, aber es reiche nicht. Der Bund müsse mehr Parkraum zur Verfügung stellen.

Um das zu vermeiden, hat das Bundesverkehrsministerium den Landesbetrieb Straßen-NRW beauftragt, den Rastplatz Aachen-Nord „stark auszubauen”. Die Planungs sieht 100 Pkw-, 95 Lkw- und zehn Bus-Stellplätze vor. Im Sommer 2008 will man mit der Planfeststellung fertig sein. Genehmigung und Ausschreibung dauern vorraussichtlich bis Ende 2010. Dann kann gebaut werden. „Wir hoffen, dass die neuen Parkplätze Ende 2011 fertig sind”, sagt Andreas Roth von Straßen NRW.

Bis dahin kann Joachim Bußmann nicht warten, auch wenn er heute einen Parkplatz gefunden hat. Kulturbeutel, Handtuch und Duschgel unter dem Arm schlendert er zurück zum Lkw. Seit 20 Jahren ist er Fernfahrer. „Die Situation ist schlimmer geworden”, sagt er, „vor allem in Deutschland.” In Frankreich etwa sei es kein Problem, einen Parkplatz zu finden. Zudem haben viele Lkw neue digitale Tachometer. Ein Jahr lang bleiben die Daten darauf gespeichert. Die Fahrzeiten bis zum nächsten freien Stellplatz zu überschreiten, kostet Geld. „Wir sind immer diejenigen, denen in den Hintern getreten wird”, sagt er.

Was er sich denn wünschen würde? Bußmann überlegt und lächelt. Er sagt: „Mehr Parkraum, und dass die Plätze für Lkw nicht immer direkt an der Autobahn liegen.” Dann zieht er sich zurück in seine Koje. In zehn Stunden geht es weiter. Nach Köln.

Neue Lenk- und Ruhezeiten in der EU

Seit April gelten in der Europäischen Union die neuen Lenk- und Ruhezeiten für Lkw-Fahrer. Danach dürfen die Fahrer nur noch 56 statt vorher 74 Stunden in der Woche hinter dem Lenkrad sitzen.

Die neuen Lenkzeiten erlauben neun Stunden täglich und zweimal wöchentlich zehn Stunden hinter dem Steuer.

Nach spätestens 4,5 Stunden muss eine Pause von mindestens 45 Minuten eingelegt werden. Von den täglich elf Stunden Ruhezeit müssen neun statt bisher acht am Stück eingehalten werden.

Jeder Fahrer muss innerhalb von zwei Wochen mindestens 45 Stunden pro Woche am Stück pausieren oder eine regelmäßige und eine verkürzte Ruhezeit von mindestens 24 Stunden einlegen.