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Brüssel: Die „Spuren von Tim und Struppi” führen in Hergés Archiv

Brüssel : Die „Spuren von Tim und Struppi” führen in Hergés Archiv

Jäh bricht „Tim und die Alpha-Kunst” mit einer dramatischen Frage ab: Muss Tim das schreckliche Schicksal erleiden, in eine Skulptur verwandelt zu werden? Oder kann sein treuer Hund Struppi ihn retten? Für Millionen Fans des furchtlosen Reporters mit der flachsblonden Haartolle und seinem schneeweißen Foxterrier wird die Frage für immer offen bleiben.

Denn im März 1983 starb Tims Schöpfer Hergé und hinterließ mit 42 skizzierten Seiten nur zwei Drittel des letzten „Tim und Struppi”-Bandes - Ende offen.

Im Mai wäre Georges Remi alias Hergé - seine umgedrehten Initialen auf Französisch - 100 Jahre alt geworden. Pünktlich zum Jubiläum hat nun der Hamburger Carlsen Verlag „Auf den Spuren von Tim & Struppi” herausgebracht. Auf mehr als 200 Seiten wirft Autor Michael Farr einen Blick der besonderen Art hinter die Kulissen der Abenteuer des Reporter-Detektives Tim - „Tintin” im französischen Original - der mit seinem Hund Struppi um die Welt reist und gegen das Böse kämpft.

Ab und an schreibt Tim einmal für seine Zeitung, „Das Kleine Zwanzigste”, benannt nach der Jugendbeilage des „Zwanzigsten Jahrhunderts”. Seit 1929 zeichnete Hergé für die Brüsseler Zeitung die „Tim und Struppi” -Comics. Ein Riesenheer begeisterter Fans ist über die Jahrzehnte dem stets jungen Star-Reporter und seinem neunmalklugen Vierbeiner treu geblieben. Mehr als 120 Millionen Mal haben sich die Bände verkauft, übersetzt in über 50 Sprachen.

Farrs Buch lädt ebenfalls auf eine Reise ein - aber nicht nach Chicago („Tim in Amerika”) oder in den Himalaya („Tim in Tibet”), sondern zurück zu Tims Geburtsort: Ins umfangreiche Brüsseler Archiv Hergés, der mit einer leidenschaftlichen Sammelwut hunderte Fotografien, Zeichnungen und Zeitungsausschnitte als Vorlage für seine Comics aufhob. Hergé gilt als einer der Wegbereiter des Comics als Kunstform, seine „klare Linie” setzte Maßstäbe. Farr ging 1977 selbst als Reporter nach Brüssel und traf dort Hergé.

Von „Tim im Lande der Sowjets” bis zu „Tim und die Alpha-Kunst” hat Farr dank des exklusiven Zugangs zum Archiv alle 24 Kult-Bände einer künstlerischen und zeitgeschichtlichen Analyse unterzogen, die er gekonnt mit der Biografie Hergés verknüpft. So sind nicht nur die Fotografien zu sehen, die der Zeichner für berühmte Szenen wie die Verfolgungsjagd in einem Motorrad mit Beiwagen oder Tims Liegeplatz in der Mondrakete verwendete. Farr schildert auch, wie es kam, dass Hergé dem Zeitgeist entsprechend in den ersten Bänden derart klischeehafte Karikaturen der Sowjetunion und des Kongos zeichnete, dass er sie später als „Jugendsünden” verwarf.

Umso ausgeprägter wurde später Hergés Besessenheit für Wahrhaftigkeit und genaue Recherche, die zu der umfangreichen Materialsammlung führte. Deren Auswertung liest sich spannend wie die Comics selbst. „Tintinologe” Farr bietet auch ein mögliches Ende für „Tim und die Alpha-Kunst” : Struppi hätte dem bärtigen Kapitän Haddock eine gekritzelte Nachricht von Tim überbracht - und so sein Herrchen im allerletzten Moment einmal mehr gerettet.