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Aachen: „Die Schneekönigin“: Publikum ist total gefesselt

Aachen : „Die Schneekönigin“: Publikum ist total gefesselt

„Wir sind das Ra-, Ri-, Räuberpack, und wir packen dich in unser‘n Sack, hey jo hey . . .“ Das dürfte in diesen Tagen bei den Ü6 in unserer Region der Hit der Saison werden. „Die Schneekönigin“, das Familienstück für Menschen ab sechs Jahren nach dem Märchen von Hans Christian Andersen, hatte Freitagmittag Premiere im Theater Aachen.

Selten hat man das kleine Publikum bei dieser jährlich wiederkehrenden Gelegenheit hier derart gebannt in den Sitzen gesehen. Eine spannende Geschichte, kernige Typen in fantasievollen Kostümen, schöne Themen um Freundschaft und echte Gefühle, ein paar hitverdächtige Songs — all das in raffiniertem, aber nicht zu dick aufgetragenem Bühnenzauber verpackt: Ohne zwei Zugaben des total begeisterten Premierenpublikums ging das nicht ab.

 Die Hauptdarsteller: Lara Beckmann als Gerda und Markus Weickert als Kay.
Die Hauptdarsteller: Lara Beckmann als Gerda und Markus Weickert als Kay.

Raben, Eisbären und ein Rentier

Ein echter Knüller also, den die Familien und Schulklassen in den nächsten Wochen erwarten können — auch für Erwachsene ein Hochgenuss, dieses spielfreudige Ensemble zu erleben. Man stelle sich allein Karsten Meyer vor, seit 2002 — wir sagen nicht altgedientes — Mitglied des Schauspielensem-bles: In der „Schneekönigin“ ist er nacheinander als Kind, Eisbär Urs, Schmetterling Odice, Herr Rabe und als Rentier Valentin zu sehen. Wenn das keine Verbeugung vor dem (kleinen) Publikum ist . . .

Was in der Tat sehr ernst genommen wird. Das zauberhafte Märchen Andersens, eigentlich eines der kompliziertesten, das seiner Feder entfloss, wird hier unter der Regie von Elina Finkel absolut geradlinig erzählt — mit einem klaren Spannungsbogen, hier und da unterbrochen von wunderbaren Gesangsnummern, die wieder etwas Beruhigung in das aufregende Geschehen bringen. Und die wurden bei der Premiere wie selbstverständlich als Einladung zum Mitklatschen gerne angenommen.

Die Geschichte handelt von Gerda und Kay, dem ein Splitter vom Zauberspiegel der herrschsüchtigen Schneekönigin, Herrin über den Winter, ins Auge fliegt und ihn nur noch das Schlechte in der Welt sehen und ihm das Herz erkalten lässt. Seine Freundin begibt sich auf die Suche nach dem Verschwundenen und erlebt auf ihrer Reise durch die jeweils von Königinnen beherrschten Reiche der vier Jahreszeiten allerlei spannende Abenteuer und Begegnungen.

Im Reich der Frühlingsherrscherin sind es lustige Schmetterlinge, denen zwar ein bisschen die Flügel fehlen, aber mit langen, drolligen Rüsseln saugen sie den Nektar aus elektrifizierten, bunt leuchtenden Blumen. Das Bühnenbild von Gitti Scherer ist eine echte, gelungene Gratwanderung zwischen fast spartanischer, gerade noch ausreichender Ausstattung, und dann wieder bunten, fantasievollen, zauberhaften Elementen und Projektionen von Schneefall und Eisblumen.

Der schwarze Bühnenboden dagegen verleugnet durchweg nicht, wo man sich eigentlich befindet. Der Frühlingsgarten und der herbstliche Wald der Räuberbande — Prospekte liefern die ansprechende Atmosphäre, und für das Reich der Schneekönigin reicht allein ein weißer, keilförmiger Schlittenabhang aus, um die Kälte dieser winterlichen Welt fühlbar zu machen. Ein echtes Theatererlebnis also, das den Kleinen geboten wird — ein transparentes Spiel zwischen Illusion und Realität.

Die Räuber im Herbstwald sehen in ledernem Outfit (Kostüme: Renate Schwietert) zwar gefährlich aus, aber wem derart munterer Gesang wie das Räuberlied gegeben ist, dem darf man doch wohl dennoch trauen. Zumal dem Räubermädchen Clara, dem Gerda zwar erst mal beibringen muss, was richtige Feundschaft so alles ausmacht, das aber bei aller messerschwingenden Bedrohung letztlich doch ein gutes Herz beweist. Das sind dann jene Momente, in denen die Stille im Publikum beweist: Das packt.

Vor allem im Finale, wenn die böse Schneekönigin, die bereits mit ihrem magisch leuchtenden Zepter Furcht einflößt, der Gerda den eiskalten Garaus machen will — da hätte man eine Stecknadel fallen hören können im weiten Publikumsrund. Aber das Happy End lässt nach knapp 80 Minuten nicht lange auf sich warten, ein Kuss bringt Gerda und Kay die Erlösung. Die Schneeköniginnen-Security in Gestalt von drei knurrigen Eisbären — Karsten Meyer besonders knurrig — gibt auf.

Bis zu sechs Rollen spielt jeder

Bis zu sechs Rollen spielen die Darsteller mal so eben fröhlich weg. Lara Beckmann trägt als Mädchen Gerda sicher mit eintscheidend dazu bei, das Publikum derart zu bannen. Wunderbar nachzuvollziehen sind ihre mitunter bangen Gefühle, auch für den noch nicht so erfahrenen Theaterbesucher. Markus Weickert steht ihr in dieser Hinsicht nicht nach, sein Wechsel vom Guten zum erkalteten Bösen und schließlich Erlösten ging den Kindern sichtlich unter die Haut.

Anna Scholten beweist wie alle anderen auch innerhalb kürzester Zeit eine ungeahnte Wandelbarkeit als Schneekönigin, Frühlingsherrscherin, Frau Rabe und als Räuberhauptfrau. Dolores Winkler spielt unter anderem herrlich burschikos das Räubermädchen Clara. Karsten Meyer überzeugt derart als Rentier, Rabe mit Zylinder auf dem Kopf, als Schmetterling im Tütü-Rock und Eisbär, dass man ihn so noch viel öfter sehen möchte. Womöglich fehlt es aber an passenden Stücken.

Spielfreudig wie alle: Lars Henk, Katharina Hirsch, Katharina Kröcker und Günther Oschmann in diversen Rollen. Applaus ohne Ende.