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Aachen: „Die rote Zora” ist das reinste Vergnügen

Aachen : „Die rote Zora” ist das reinste Vergnügen

Phantastisch: Bei der dritten Premiere im Theaterzelt auf dem CHIO-Gelände hat einfach alles gestimmt!

„Die rote Zora”, das Stück für die ganze Familie, dürfte sich am Theater Aachen zum ersten Knüller der Saison entwickeln. Spannend bis zur letzten Sekunde ist die Geschichte um das rothaarige Mädchen Zora, die mutige Anführerin der gefürchteten Kinderbande „Die Uskoken”.

Kindgerecht aufbereitet, geradlinig erzählt, liebevoll ausgestattet, reich an komischen Typen, herrlich gespielt, wunderbar musikalisch untermalt, schmissig die Lieder - die Zuschauer ab sechs Jahren waren während der knapp zweistündigen Aufführung (inklusive Pause) total gefesselt und machten dabei auch noch kräftig mit, wenn es zum Beispiel darum ging, den fiesen Bauern Karaman (Bernd Miozga) gehörig an der Nase herumzuführen.

1941 erschienen

Das 1941 von dem Jenaer Autor Kurt Kläber im schweizerischen Exil unter dem Pseudonym Kurt Held herausgebrachte gleichnamige Jugendbuch bildet die Grundlage des Stücks. Regisseur Florian Mischa Böder und die Dramaturginnen Katrin Eickholt und Sibille Hüholt haben den Roman auf geniale Weise für die Bühne eingerichtet. Die Themen drehen sich dabei um Freundschaft und Vertrauen, Mut und List.

Die rundum gelungene Geschichte: Branko (Jan Viethen), der soeben seine Mutter verloren hat, wird auf dem Markt fälschlicherweise des Diebstahls bezichtigt und verhaftet. Doch der roten Zora (Nicole Tobler) gelingt es, ihn zu befreien. Nach einer Mutprobe nimmt ihn die Bande der Uskoken auf, deren Mitglieder sich ohne Eltern durchs Leben schlagen müssen.

Unter den Bürgern der Stadt, die die Kinder wegen ihrer gelegentlichen kleinen Gaunereien am liebsten vertreiben würden, haben sie allein den gutmütigen Fischer Gorian (Rainer Krause) als Freund, dem der gierige Karaman übel mitspielt.

Doch die schlauen Uskoken werden leicht mit ihm und dem hochnäsigen Bürgermeister (Fredrik Jan Hofmann) fertig, ehe die Kinder im Happyend vom Banden- in ein bürgerliches Leben über-wechseln...

Drahtlose Mikrofone garantieren diesmal im Zelt ein allerbestes Verständnis. Die in verschiedene, in der Höhe leicht versetzte Tableaus aufgeteilte Holzbühne, die im Zelt gleich für drei Produktionen auf einmal als Spielfläche dienen muss, erweist sich als variabler Geniestreich von Volker Thiele.

Ein roter Turm aus allerlei Gestellhölzern bildet die uneinnehmbare „Burg” der Uskoken, während im Hindergrund eine rohe Plakatwand dieser kleinen Kinderwelt die angemessene Atmosphäre verleiht. Den Rest des Bühnenbilds liefert ganz offensichtlich völlig problemlos die Phantasie der kleinen Zuschauer.

Theater pur und das auch noch hautnah erlebt das begeisterte Publikum, wenn Zora und Co. barfuß durch die Ränge flitzen oder die überraschendsten und lustigsten Dinge auf der Bühne passieren: Ein Schlauchboot kentert zum Beispiel, weil das Wasser abläuft. Dann erst die drolligen Unterhosen dieses Karaman - da lachen ja die Hühner...

Regisseur Böder und Kostümbildnerin Anna Schnyder sprudelten vor vergnüglichen Einfällen. Und dann gibt es auch noch jede Menge Gelegenheiten, stimmstark von den Tribünen her in dem Geschehen mitzumischen und sogar mitzusingen.

Typen zum Piepen

Die Typen sind zum Piepen: allen voran der Polizist (Fredrik Jan Hofmann ist in zwei Rollen dabei), der so unglaublich schusselig ist, dass er eine ganze Bande hinter dem Rücken von Fischer Gorian nicht sehen kann.

Die originelle, stimmungsvolle Musik (Tobias Ellenberg) wirkt wie ein treffender Kommentar zu den Szenen und wird buchstäblich lebendig, weil sich die drei Musiker mitten unter den Darstellern bewegen (Stephan Schiffels, Posaune; Heiko Schulz, Bass; Juri Tarasenok, Akkordeon).

Das ganze Ensemble spielt herrlich komisch und charakterlich so prägnant die Rollen aus, dass es ein einziges Vergnügen ist zuzusehen: Nicole Tobler als freche Zora, Jan Viethen als verliebter Branko, Rainer Krause als liebenswert-grummeliger Gorian, Fredrik Jan Hofmann als tappsiger Polizist und großmäuliger Bürgermeister, Bernd Miozga als verschlagener Karaman, Johanna Falckner als süß-bissige Bürgermeistertochter Zlata, die eine ganz neue, tolle Art, das „Happy Birthday” zu singen, einübt; nicht zu vergessen die Bandenmitglieder Anne Wuchold, Ingo Jacobs und Manuel Rittich und die Stadtbewohner Uli Heinen, Agnes Joest und Dorothee Köhn - allesamt die reinsten Sympathieträger des Theaters.

Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck stellte am Ende auch die Kollegen, die hinter den Kulissen mitgewirkt haben, dem ausgelassen trampelnden Publikum vor.