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Aachen: Die Rache des Walkman-Erfinders

Aachen : Die Rache des Walkman-Erfinders

Na klar, der Erfinder des Walkmans kommt aus Aachen. Selten so gelacht. Er heißt Pavel, ist Philosoph, hatte die Idee Anfang der 70er Jahre in der brütenden Hitze der brasilianischen Metropole Sao Paulo.

Sony kupferte das Patent ab, verkaufte weltweit seit 1979 hunderte Millionen Walkmen, verdiente Milliarden und trieb den genialen Erfinder an den Rand des Ruins...

Was sich anhört wie reichlich fiktiver Stoff für einen Groschenroman, ist wahrhaftig einer der spannendsten Wirtschaftskrimis unserer Zeit - im Mittelpunkt steht der mittlerweile 59-jährige Andreas Pavel, Sohn der populären Aachener Industriellen-Familie und Bruder von Reitturnier-Chef Klaus Pavel, Präsident des Aachen-Laurensberger Rennvereins. 1977 meldete Andreas Pavel - zwischenzeitlich nach Mailand gesiedelt - sein Patent für eine „körpergebundene Kleinanlage für die hochwertige Wiedergabe von Hörereignissen” an.

Verhandlungen mit europäischen Konzernen

Während der Sozialwissenschaftler mit dem Hang zu progressiven Multimedia-Experimenten noch mit europäischen Elektronik-Konzernen wie Uher, Beyerdynamic, Bang & Olufsen und Yamaha über eine Markteinführung seines Konzeptes rang, schmiss der japanische Sony-Konzern plötzlich zur Jahreswende 1979/80 den ersten Walkman TPS-L2 auf den Weltmarkt - der Start eines beispiellosen Verkaufsschlagers, der nicht nur die Hörgewohnheiten einer ganzen Generation revolutionierte, sondern bei Stückpreisen um 400 Mark auch reichlich Geld auf Nippons Konten schwemmte. Pavel formulierte flugs einen netten Brief an Sony-Gründer Akio Morita.

Jahrezehntelanger Rechtsstreit begann

Aber statt ein beträchtliches Sümmchen an den Ideengeber zu überweisen, kassierte Sony senior selbst den Ruhm der bahnbrechenden Erfindung - und posaunte seinen Stolz vom Playboy-Interview bis zur Biographie in die weite Welt hinaus. Verhandlungen im heimischen Rheinnadel-Werk mit Sonys Advokaten scheiterten, ein jahrzehntelanger Rechtsstreit begann. Frage: Wer hat den Walkman erfunden? Und: „Gilt der Walkman als natürliche Weiterentwicklung bereits existierender Unterhaltungselek-tronik oder als innovative Neu-Entwicklung?”

Nach einen ersten juristischen Auseinandersetzung in Deutschland machte der asiatische Gigant 1986 erstmals 150.000 Mark locker. „Angesichts der astronomischen Verkaufserlöse war das lächerlich”, erklärt Pavel, der gegenwärtig als Kulturmanager zwischen London, Sao Paulo und Mailand pendelt, am Donnerstag gegenüber unserer Zeitung. Aber es kam weit schlimmer: Der nächste Prozess ab 1989 in London sollte Pavel in zehn Jahren an den Rand des Ruins treiben. Sony ließ knapp 20 Anwälte aufmarschieren, der Prozessstoff füllte 60 Aktenordner. Trotzdem agierte Goliath in dieser Phase gegenüber David nicht immer glücklich vor Justizia.

So wurde überraschend ein Ingenieur als Zeuge präsentiert, der die Walkman-Idee - in Abwandlung der Morita-Version - alleine im heimischen Sony-Labor innerhalb weniger Tage entwickelt haben wollte. So untermauerten letztlich Sonys eigene Produktunterlagen und Aussagen, dass der Walkman kaum Folge „normaler technischer Weiterentwicklung” sein könne.

Prozesskosten von fast drei Millionen Euro

Denn der Trend - auch bei Sonys Ghettoblastern - ging damals zu immer größeren Gerätschaften mit saftigerem Bass-Sound, nicht etwa zur Miniaturisierung via Kopfhörer. Und auch die Firmenbosse hatten zuvor regelmäßig eine „revolutionäre Erfindung” beworben. Eigentore, die der Richter ignorierte. Pavel verlor 1993, sein britisches Patent wurde ungültig, und Prozesskosten von fast drei Millionen Euro drückten, als auch die Berufung 1996 zu Gunsten Sonys ausging. Alles aus?

Die mobile Musikanlage mit Kopfhörer: „Selbst wenn ich alle technischen Mittel habe, sie aber nicht richtig kombiniere, kann man doch nicht von natürlicher Weiterentwicklung sprechen”, ereifert sich Pavel noch heute.

Das Drama eskalierte: Seine Konten über Jahre eingefroren, sein Bruder Ulrich, der ihm zur Seite gestanden hatte, verklagt - genauso wie sein Anwalt. Sein Telefon wurde abgestellt, der umtriebige Kultur-Manager konnte seine Miete nicht mehr zahlen. Bei dubiosen Einbrüchen wurden Prototypen von Pavels „Stereobelt” gestohlen, Detektive spionierten die Nachbarschaft aus. „Ich hatte eine Maschinerie angeworfen, die man so leicht nicht mehr anhalten konnte.” Doch Pavel kapitulierte nicht, sondern erwägte Klagen in Italien und Amerika. Ob dies den Strategiewechsel von Sony fünf Jahre nach dem Tod des eitlen Firmengründers Morita auslöste?

Einigung nach Geheim-Gesprächen

In Geheim-Gesprächen wurde zwischen den ungleichen Kontrahenten ein Vergleich ausgehandelt - über den Inhalt herrscht Stillschweigen. Ein hoher Millionen-Euro-Betrag soll von Sonys Konten geflossen sein, mutmaßen Insider. Gegenüber dem Nachrichten-Magazin „Spiegel” bestätigte Tokio lediglich: „Wir haben uns in freundschaftlichem Einvernehmen geeinigt und alle juristischen Auseinandersetzungen beigelegt.”

Für den Aachener Klaus Genuit, der Pavel in den 80er Jahren technisch beraten hat, kommt der Friedensschluss mehr als überraschend. „Ein normaler Bürger hätte sich gegenüber diesem allmächtigen Gegner nie behaupten können”, zollt der Geschäftsführer des Herzogenrather Unternehmens „Head Acoustics” Respekt. Heute analysiert seine Firma weltweit die Geräuschqualität in Automobilen, damals widmete sich Ingenieur Genuit so genannten Kunstkopf-Signalen. „Die Sound-Wiedergabe über die Kopfhörer sollte nicht im Kopf wahrnehmbar, sondern genauso wie äußere Geräuschquellen zu empfinden sein.”

Auch Apple bekommt eine Rechnung

Auch die „Talkline-Funktion” der ersten Pavelschen Walkman-Generation hat Genuit mitrealisiert. Dabei konnte der Walkman-Benutzer per Knopfdruck über ein Mikrofon äußere Umweltgeräusche durchschleusen. Vom Markt verschwand dieses Detail schnell wieder - vermutlich, weil den Firmen die Ähnlichkeit mit Pavels Erfindung dann doch zu offensichtlich schien. Späte ideelle Genugtuung: Ein noch existierendes „Stereobelt”-Modell wandert jetzt in das Mailänder Museum für italienisches Design. Den vielen anderen Walkman-Herstellern will Pavel nun ebenfalls seine Rechnung präsentieren - sogar Apple mit dem digitalen Walkman-Nachfolger „iPod” ist darunter.

Gute Nachricht aus den USA

Doch die größte Freude löste gerade eine Nachricht aus den USA aus: Dort erkannten die Behörden Pavels Patent für eine Kombination von Telefon und Musikwiedergabegerät an. Zahllose UMTS-Handys lassen einen Milliarden-Markt rund um den Erdball vermuten. Diesmal stehen die Anwälte Schlange, um kostenlos vor US-Gerichten zu klagen - satte Beteiligungen winken. Dem 59-jährigen Globetrotter, der Aachen immer noch regelmäßig besucht, scheint das nicht mehr allzu wichtig: „Ich werde mich nun vor allem der Bewusstseinsphilosophie widmen”, sagt er. Und auch das meint er ernst.