1. Kultur

Heimbach: Die musikalischen Funken sprühen nur so

Heimbach : Die musikalischen Funken sprühen nur so

Seit elf Jahren strahlt das Jugendstilkraftwerk in Heimbach (auch) musikalische „Spannungen” aus. Erstaunlicherweise spielte das gigantische Klavier- und Kammermusikwerk Johann Sebastian Bachs bis jetzt nur ein Schattendasein in dem ebenso beliebten wie erfolgreichen Festival. Das wird sich in dieser Woche ändern.

Und im traditionellen „Vorspann”, dem Vorabend der offiziellen Eröffnung, ging Christian Tetzlaff aufs Ganze.

Der Geiger gehört, quasi als Gründungsmitglied, zum festen Bestand der Heimbacher Mannschaft und stellte sich mutterseelenallein mit seiner Violine dem erwartungsvollen Publikum. Zwei Sonaten und eine Partita aus den Sechs Sonaten und Partiten für Violine solo „ohne begleitenden Bass” standen auf dem Programm.

Christian Tetzlaff nähert sich den Werken eigenwillig ohne Rücksicht auf historische Musizierpraktiken. Frische, Klarheit der polyphonen Strukturen, Ausdruckstiefe und eine individuelle Prägung der einzelnen Sätze stehen bei ihm im Vordergrund. Die gewaltige Chaconne aus der d-Moll-Partita geht er schroff an und feilt die stilistischen Kontraste der folgenden Variationen messerscharf aus.

Virtuose Finessen

Das Problem, angesichts der stilistischen Vielfalt einen nahtlosen Spannungsbogen über den zehnminütigen Satz ziehen zu müssen, löst er vorzüglich. Dass ihm die virtuosen Finessen Freude bereiten und er sie gern zur Schau stellt, lässt ein wenig jene abgeklärte Gelassenheit vermissen, die man von „ausgereiften” Interpretationen erwartet.

Kein besonders massiver Einwand: Christian Tetzlaff ist noch ein junger Mann, und Spielfreude muss nicht im Widerspruch zu geistiger Tiefe stehen. Und so munter Tetzlaff die Giga in der Zweiten Partita oder das Finale in der Dritten Sonate in C-Dur sprudeln lässt, so konzentriert formt er die langsamen Sätze, so sorgfältig fächert er die komplexe Stimmführung in den Fugen auf.

Das offizielle Eröffnungskonzert begann mit dem „Kleinsten vom Größten”, mit vier zweistimmigen Inventionen des Thomaskantors in einer Bearbeitung für Oboe und Fagott, die die ausgefeilte Selbstständigkeit und Gleichwertigkeit der beiden Stimmen noch unterstrich. Der Fagottist Dag Jensen lieferte sich einen quicklebendigen Dialog mit dem Star-Oboisten Francois Leleux, der mit seinem hellen und wandlungsfähigen Ton ein Lehrstück französischer Oboenkunst demonstrierte.

So sehr sich dann die neun allesamt erstklassigen Bläser (darunter Sharon Kam und Marie Luise Neunecker) und die beiden Streicher mit Dvoráks ebenso selten zu hörender wie kostbar-köstlicher Bläser-Serenade als spontan zusammengewürfeltes Ensemble präsentierten, so sehr bestimmte auch der edle Ton des Oboisten die hinreißend vitale und klangprächtige Interpretation dieser böhmischen Hommage an den übermächtigen Mozart.

Zu den wenigen authentischen „Frauenliedern” der reichen romantischen Liedkunst gehört Robert Schumanns selten zu hörender Zyklus „Frauenliebe und -leben”, der aufgrund seines traditionell gefärbten Rollenverständnisses von Mann und Frau manche Kritik einstecken muss(te).

Wenn man Schumanns Einfühlungsvermögen in die seelischen Höhenflüge und Tiefschläge einer emphatisch liebenden und schließlich deprimierten, verlassenen Frau so intensiv und differenziert aushorcht wie die Mezzosopranistin Rinat-Shaham und der sehr zurückhaltend agierende Lars Vogt am Klavier, kommt der Wert auch dieser Gesänge voll zur Geltung.

Detlev Glanert, der diesjährige „Composer in Residence”, hat sich bisher vor allem als Bühnenkomponist einen glänzenden Namen verschafft. Einen kleinen Einblick in sein wenig bekanntes Kammermusikschaffen erlaubte seine „Chaconne für Oktett”. Eine zerbrechliche, zerrissene, gelegentlich dramatisch erschütterte Reminiszenz an Brahms´ „Variationen über ein Thema von Schumann”. Über Glanert demnächst mehr.

Zum krönenden Abschluss scharte Lars Vogt ein junges Damen-Trio um sich. Brahms´ gewaltiges Klavierquartett Nr. 1 g-Moll op. 25 erfuhr durch Lisa Batiashvili (Violine), Rachel Roberts (Viola) und Quirine Viersen (Violoncello) eine alles andere als zärtliche Interpretation. Nicht nur im finalen ungarischen Furioso sprühten die Funken.

Bereits der komplexe Kopfsatz erfuhr eine Darstellung unter Hochspannung. Und auch die emotionale Tiefe des Andantes kam zu ihrem Recht. Eine lebendige und intensive Interpretation, die sich in manchem Detail noch ausgefeilter vorstellen ließe. Insgesamt aber ein würdiger Beitrag zur 11. Staffel eines Kult-Festivals, das vom Dürener Kunstförderverein ebenso liebevoll wie nahezu perfekt betreut und ausgerichtet wird.