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Eschweiler: Die Mist-Fliegen kommen jedenfalls aus Holland

Eschweiler : Die Mist-Fliegen kommen jedenfalls aus Holland

In Weisweiler wird kein Sondermüll aus Afghanistan verbrannt, auch keiner aus Kolumbien oder Pakistan. Der Eschweiler Stadtteil ist auch nicht das „Müllklo Europas”, womit ausgerechnet die doch so weltoffenen Grünen drohten. Verdammt viele Fliegen gibt es dort tatsächlich.

Aber die hat nicht der Müll aus Italien angelockt, sondern Hühnerkot aus Holland, mit dem Landwirte dort ihre Felder düngen. Die 17.000 Tonnen Abfall aus Neapel, die in der Müllverbrennungsanlage in Weisweiler (MVA) eingedampft werden, beflügeln Müll-Fantasien in der Region. Dabei ist die ordentliche Entsorgung dieses wie auch des heimischen Unrats eigentlich ein stinknormales Geschäft.

Dass das Geld, das mit dem Müll-Geschäft gemacht wird, auch schon mal stinkt, ist allerdings ebenso wahr, Stichwort: Trienekens-Skandal. Wie man dabei aber auch zu Unrecht im Verdachtsstrudel von Korruptionsfahndern nach ziemlich unten gezogen werden kann, davon kann Ulrich Koch ein bitteres Lied singen. Sechs Wochen Untersuchungshaft musste der Kaufmännische Geschäftsführer der MVA im Sommer 2003 durchstehen, bevor er rehabilitiert wurde.

Zusammen mit dem Technischen Geschäftsführer Andreas Fries leitet Koch die Entsorgung von 360.000 Tonnen Haus- und Gewerbemüll, die in Weisweiler Jahr für Jahr angeliefert werden. Seit langem gilt die Anlage, deren Kapazität schon vor ihrer Inbetriebnahme 1997 als zu groß kritisiert wurde, als ausgelastet.

Den Erlös aus rund 60 Millionen Euro Umsatz im Jahr teilen sich die gleichberechtigten Gesellschafter der MVA: die öffentliche AWA Entsorgung und die private Entsorgungsgesellschaft Niederrhein (EGN). Hauptgesellschafter der AWA sind Kreis und Stadt Aachen sowie Düren.

Diese öffentlich-private Partnerschaft soll die möglichst ständige Auslastung der Anlage sichern - und damit letztlich die Müllkosten für Bürger und auch Gewerbe möglichst gering halten. Dem dient auch die sogenannte freie Spitze: Die AWA kann - wie entsprechend die EGN - knapp zehn Prozent der Gesamtkapazität frei vermarkten, also versuchen, dafür höhere Preise zu erzielen als die festgelegten Müllgebühren.

Jene 17.000 Tonnen Müll aus Neapel gehören zu dieser freien Spitze. Das versichern die Betreiber angesichts der kritischen Nachfragen, dass die Anlage doch ständig ausgelastet sei. Zur Preis-Frage halten sich Koch und Fries zwar an ein mit den Italienern „vereinbartes Stillschweigen”. Doch den Preis haben italienische Medien längst auf hundert Euro je Tonne beziffert. Das dürfte ziemlich realistisch sein und liegt jedenfalls über dem, „was wir auf dem freien Markt hier für Gewerbemüll hätten erzielen können”.

Unter dem Strich sorge der Italien-Müll sogar dafür, dass „jeder Bürger hier im nächsten Jahr drei Euro weniger pro Tonne zahlen muss”, wagt Koch vorherzusagen. Die Müllgebühren werden nämlich jeweils im Folgejahr entsprechend den Einnahmen aus dem laufenden Jahr angepasst. Koch: „Man müsste uns doch Vorwürfe machen, wenn wir diese Fuhre nicht genommen hätten.”

Skeptikern - wie der mehrfach nachhakenden Unabhängigen Wählergemeinschaft Eschweiler - hält der Geschäftsführer auch vor, dass der binnen drei Monaten, von August bis voraussichtlich Ende Oktober, verbrannte Neapel-Abfall der AWA fast so viel Umsatz bringe wie man mit dem gesamten Gewerbemüll dieses Jahres aus Stadt und Kreis Aachen sowie Kreis Düren erwirtschafte: voraussichtlich 800.000 Euro.

Gewerbemüll hat allerdings einen deutlich größeren Brennwert, sein Heizwert ist um ein Drittel höher als der von Hausmüll. Dass der Abfall aber nach Gewicht statt nach Heizwert bezahlt wird, führt zu dem Paradoxon, dass „wir Interesse haben müssen an möglichst geringem Heizwert, um möglichst viel Tonnage umzusetzen”, erläutert Fries.

Der in Weisweiler eingedampfte Müll aus dem Süden strahlt auch nicht, da kann man ziemlich sicher sein. Das Thema Radioaktivität hat in dem Zusammenhang eher das Zeug zur Bürokratie-Posse. Ein Container, bei dem im Bahnhof Köln-Kalk der Geigerzähler leicht ausschlug, durfte nicht sofort nach Italien zurückgeschickt werden. Er musste eigens zum auf den Papieren fixierten Bestimmungsort Weisweiler transportiert, dort als unannehmbar abgestempelt und dann wieder zurückgeschickt werden. Diesen Weg schreibt die europäische Abfallverbringungsordnung vor.

Wenn solche schwache Radioaktivität gemessen wird, das ist in der Tat schon ein paar Mal vorgekommen, handelt es sich höchst wahrscheinlich um Abfälle aus neapolitanischen Kliniken und Arztpraxen. Kommen solche Kontrastmittel aus Aachener, Dürener oder sonst irgendeiner deutschen Praxis, „werden sie hier einfach verbrannt”, so Fries. Das muss nicht einmal kontrolliert werden, das ist Bestandteil der Anlagen-Zulassung. Die öffentlichkeitswirksame Verschickung deutscher Radioaktivitätskontrolleure nach Neapel ist, so gesehen, also auch eine Art Legitimationsschau zur Beruhigung der hiesigen Skeptikerfront.

Und die Schadstoffe, die aus den Schloten kommen, die Dioxine, Furane und der Feinstaub? „Die sind überhaupt kein Problem mehr”, bekräftigt Fries kurz und bündig. „Die Grenzwerte für Müllverbrennungsanlagen wurden gesetzlich noch einmal verschärft. Und die unterschreiten wir noch einmal deutlich.”

Dass Müllverbrennungsanlagen nach früher zurecht als desaströs gebrandmarkten Emissionen in den letzten 15 Jahren rauchtechnisch extrem verbessert wurden, bestreitet auch niemand. Selbst der BUND reagierte 2005 auf eine beschwichtigende Broschüre der Bundesregierung eher mit strategischen Argumenten: Vermeiden und Verwerten sei besser als Verbrennen.

Das wird ebenfalls niemand bestreiten. Doch da muss dann auch „der Bürger” mitspielen. Koch und Fries jedenfalls sehen die schon fast sprichwörtliche deutsche Bereitschaft zur häuslichen Mülltrennung an ihre Grenzen gekommen: „Der gelbe Sack wird zur Ersatzmülltonne. Das ist ein dickes Problem.”

Ein anderes Problem für die MVA-Betreiber, und damit letztlich für den Bürger sei es, „dass viele versuchen, um die MVA herumzukommen”, ihren Müll also irgendwo sonst privat entsorgen - nicht zuletzt auf Autobahn-Rastplätzen. Eine Nachlässigkeit sehen Koch und Fries dabei übrigens auch bei den Kommunen, die aus gewerbepolitischem Kalkül wohl nicht jeden Betrieb nachhaltig an seine Anlieferungspflicht in Weisweiler erinnerten.

Der Dreck aus Neapel jedenfalls, der weder Ratten in sich birgt noch Fliegen anzieht, das betonen Andreas Fries und Ulrich Koch am Ende noch einmal, ist „stinknormaler Hausmüll. Nur glaubt uns das keiner.” Klingt ja auch nicht gerade fantastisch.