Aachen: Die Matthäuspassion: Musik, die Körper und Seele erwärmt

Aachen: Die Matthäuspassion: Musik, die Körper und Seele erwärmt

Schon zu Bachs Zeiten hatte die Kirchenmusik zuvorderst die Aufgabe, die Seelen der Gläubigen für Gottes Wort zu erwärmen. Wenn von dieser Wärme dann etwas auf den Körper abstrahlte: umso besser. Damals wie heute.

Nun waren die Kirchen in Deutschland zu Bachs Zeiten in der Karwoche sicher ebenso ungeheizt wie der Aachener Dom Mitte März 2016. Man kann sich also lebhaft vorstellen, wie die Streicher des Concerto Royal Köln bei der vorbildlichen Aufführung der Matthäuspassion sich in ihren Pausen die Hände aufwärmten; die Holzbläser mit ihren empfindlichen barocken Instrumenten mit immer dramatischeren Verstimmungen zu kämpfen hatten; schließlich die Mitglieder des Domchores tapfer gegen die Kälte anbibberten. Die anwesenden Musikfreunde werden aber von einem besonderen Erlebnis berichten.

Bachs Passionsmusik nach Matthäus hat fast das Format einer Wagner-Oper. Dabei sind die musikalischen Mittel, die sich zu diesem grandiosen Werk fügen, so aberwitzig vielfältig wie die Ansprüche an die Aufführenden. Für das Konzert hatte Domkapellmeister Berthold Botzet ein exzellentes Ensemble zusammengestellt, das die bemerkenswerte Leistung des Domchores in einen Zusammenhang von Wohlklang setzte. Gerade die Domsingknaben mit ihren charakteristisch hellen Sopranstimmen waren aufs Beste vorbereitet für diese Mammutaufgabe.

Die Kreuzigungs-Fugen, die rhythmisch prekären Wohin-Was-Wo-Einwürfe, die großen Eingangs- und Schluss-Chöre, die berühmten, von der „O Haupt voll Blut und Wunden“-Melodie durchzogenen Choräle: Die Abstimmung mit dem Dirigenten saß perfekt. Und der hatte bei aller Anspannung auch noch Muße, den auf zwei Bögen des Oktogons aufgeteilten Choristen die Räume zu bedeuten, in die hinein sie ihren kindlichen Klang erzeugen sollten. Das a cappella gesungene „Wenn ich einmal soll scheiden“: ein Genuss. Botzet legt großen Wert auf ein Singen, das der Sprache dient, drillt geradezu die Konsonanten und hat keine Skrupel, kurz gesprochene Vokale auch kurz abzuphrasieren. Sein Klangideal ist von den hellen Stimmen dominiert, der Chor klingt licht, transparent und sehr gut ausgebildet.

Zur großen Passion hatte sich Botzet ein Solistenensemble zusammengestellt, das zum schlanken, vibratoarmen Klang des auf barocken Instrumenten spielenden Concerto Royal Köln passte. Susanna Martin, Sopran, und Melanie Forgeron, Alt, haben sauber geführte Stimmen, von denen man sich allenfalls ein Mehr an Emotion gewünscht hätte. Der Bassist Christian Palm klang sonor, aber wenig konturiert. Der Tenor Dino Lüthi machte aus seinen wenigen Tönen ein Ereignis aus Wohlklang und Musikalität. Hauptakteure der Passion aber waren der für die Christusworte zuständige Daniel Blumenschein, ein exquisiter Bass.

Und Andreas Karasiak, der die Evangelisten Partie zur Sensation machte. Neben dem ungemein plastisch vorgetragenen Erzähl-Gesang der Rezitative gestaltete er die wenigen tonmalerischen Momente hinreißend emotional: der weinende Petrus nach dem dritten Hahnenschrei; die „Trauern-und zagen“-Koloraturen im ersten Teil: ganz große Oper. Das alles hielt Botzet souverän zusammen. Das von der klanglich pittoresk ausgestatteten Bläsersektion bestimmte Orchester folgte ihm auf jeden Fingerzeig. Der bizarre Barock-Klang der abenteuerlich geformten Oboen, Fagotte und Flöten, das Schnurren der Gambe und Laute, das große Können der Solisten an den Streichinstrumenten: Alles fügte sich zu einer mustergültiger Aufführung von Bachs grandiosem Meisterwerk. Großer Applaus mit zunehmend wärmeren Händen.