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Aachen: „Die Literaturkritik ist unglaublich elitär”: Amelie Fried liest in Aachen

Aachen : „Die Literaturkritik ist unglaublich elitär”: Amelie Fried liest in Aachen

Die Bestsellerautorin, Moderatorin der Talkshow „3 nach 9” und Journalistin Amelie Fried hat ihren neuen Roman „Liebes Leid und Lust” vorgelegt.

Am Donnerstag liest sie daraus um 20 Uhr in der Mayerschen Buchhandlung in Aachen. AZ-Mitarbeiterin Felix Mauser führte ein Gespräch mit ihr.

Sie sind als Kind einer Buchhändlerin und eines Verlegers aufgewachsen. War Ihr berufliches Spektrum früh absehbar?

Fried: Sicher haben meine Eltern etwas damit zu tun. Es gab 15000 Bücher im Haus. Mit fünf begann ich darin zu lesen, der Umgang mit Sprache war zeitlebens wichtig. Man kann sicher von einer frühkindlichen Prägung sprechen.

Sie rissen mit 16 der Liebe wegen von zu Hause aus. Haben Sie sich durch das literarische Übermaß beengt gefühlt?

Fried: Fast jeder Jugendlicher erlebt die Phase der Rebellion. Vielleicht fällt diese umso heftiger aus, wenn das Elternhaus behütet war. Zum Prozess des Erwachsenwerdens gehört einfach das radikale Absetzen vom Vertrauten dazu. Ich bin allerdings schnell wieder auf den Boden zurückgekommen, bin reifer und größer geworden.

Welchen Stellenwert hat Sprache in ihrem Alltag neben dem Schreiben und Moderieren?

Fried: In unserer Familie herrscht ständige Konversation bei meistens zwei gemeinsamen Mahlzeiten. Miteinander sprechen und zuhören ist das Wichtigste was eine Famile leisten muß, um Kinder lebensfähig zu machen. Sprache ist unverzichtbar.

Talkshows unterliegen dem Gebot der Wahrheitsfindung bei gleichzeitiger Unterhaltung. Wie lautet ihre Maxime?

Fried: Im Idealfall sind meine Gäste ehrlich und unterhaltsam. Das kommt allerdings sehr selten vor. Eine gut erzählte Anekdote ist mir bei „3 nach 9” lieber, als eine langweilige Wahrheit. Natürlich lege ich aber im Vorfeld großen Wert auf alle journalistischen Tugenden, die Vorbereitung auf Gäste, die Recherche der Fakten, die Lektüre der Bücher.

Ihr neuer Roman heißt Liebes Leid und Lust, ursprünglich ein Titel Shakespeares.

Fried: Ich wurde durch eine glänzende Inszenierung des Stücks am Münchner Akademietheater inspiriert. Die Verknüpfung meiner Protagonistin mit diesem Stoff lag nahe. Ferner ist mir seit Studententagen das Milieu des Theaters vertraut, darauf konnte ich zurückgreifen

Im Verlag entstand eine Diskussion, ob der Titel nicht zu sperrig klingt oder des Genitivs wegen zu anspruchsvoll gewählt ist. Letztendlich entspricht er aber der Geschichte am besten und prägt sich ein.

Entsteht Ihre Dramaturgie beim Schreiben oder bereits früher?

Fried: Die grundsätzliche Idee ist schon zu Beginn da, einzelne Konstellationen ergeben sich im Prozess des Schreibens. Ich mag die Arbeitsweise des Experimentierens gerne. Glücklich ist der, der den Roman fertig im Kopf hat und ihn nur noch zu Papier bringt. Das könnte ich nicht.

Schicken Sie das fertige Manuskript sofort an den Lektoren?

Fried: Ich lasse den Text zunächst grundsätzlich liegen, er wird besser dadurch. Man bekommt durch den Abstand einen intensiveren Blick auf die Schwächen. Am Ende habe ich wirklich das Problem des Loslassens, schreibe endlos noch an den letzten Druckfahnen herum.

Sie haben Ihrem Buch das Shakespeare-Zitat von Verzweiflung und der Existenzfrage vorangestellt. Eine Anspielung auf die Unsicherheit Verliebter?

Fried: Genau. Der Arzt in meinem Roman lässt sich auf eine Affäre mit seiner Patientin ein, seine Gefühle übermannen ihn. Zugleich sträubt er sich innerlich dagegen. Das Zitat „Ich will nicht lieben. Herrgott, nein!” passte einfach genau. Sein Handeln kann existenzgefährdend sein. Ich wollte das Tabu, die moralischen Schranke in dieser Geschichte noch mehr ausweiten.

Was kritisieren Sie am Buchmarkt?

Fried: Die gegenwärtige Kritik ist unglaublich elitär. Ich wünsche mir eine Literaturkritik, die nicht mit jener Vermessenheit vorgeht, ständig Unterhaltung von Ernstem zu trennen, sondern mich wirklich tiefgründig informiert. Eine andere Art der Reflexion wäre angemessener als das Ausgrenzen bestimmter Formen und Leidenschaften.