1. Kultur

Die liebenswerte Seite der Neandertaler

Die liebenswerte Seite der Neandertaler

Tongeren (an-o) - 1856 wurden im Neandertal bei Düsseldorf die Überreste einer ausgestorbenen Menschenart entdeckt. Dem nach seinem Fundort benannten Neandertaler widmet sich nun eine Ausstellung im belgischen Tongeren. Denn auch hier hat der Urmensch seine Spuren hinterlassen.

Wenn die Forscher im Gallo-Römischen Museum gegen Abend ihre Wirkungsstätte verlassen haben, erwacht in den dunklen Hallen das pralle, urzeitliche Leben: Zottelige Gestalten im betont unkonventionellen Pelz-Outfit tummeln sich dann heimlich zwischen den Ausgrabungsresten und Bücherstapeln. Verwegene Jäger begeben sich auf die Pirsch, ein unheimlicher Schamane beschwört mit dramatischem Gestus seine Götter.

Leben vor 35.000 Jahren

"Die Neandertaler erwachen mitten im Museum zum Leben - das ist die Idee unserer Ausstellung", erklärt Guido Creemers, Konservator am Gallo-Römischen Museum Tongerens. Die Urmenschen gewähren dem Besucher einen beeindruckenden Einblick in das Alltagsleben einer Gruppe von Neandertalern, wie es sich vielleicht vor 35.000 Jahren abgespielt hat.

Zum Leben erweckt wurden sie unter anderem von dem belgischen Künstler Dirk Claesen. Gemeinsam mit seinem Kollegen Ludo Vermeulen modellierte er 23 lebensgroße Figuren. Gerichtsmediziner lieferten den Künstlern anhand verschiedener Schädelfunde detailgetreue und äußerst realistische Gesichtsrekonstruktionen. Das Ergebnis ist verblüffend: Der früher vielfach "affenartig" und primitiv dargestellte Neandertaler weist jetzt wesentlich menschlichere, ja durchaus liebenswerte Züge auf. "Die Auffassung über das Leben und Aussehen des Neandertalers hat sich heute dank moderner Technik geändert. Zwar bleibt immer etwas Raum für Interpretation, doch neigen wir dazu, ihm ein menschliches Aussehen zu verleihen", meint Guido Creemers. Die Liebe zum Detail hatte ihren Preis: Mindestens zwei Wochen benötigten die Künstler um aus einem Eimer Silikon einen lebensechten Kopf zu kreieren.

Den Anstoß zu der Ausstellung lieferten Ausgrabungen in Veldwezelt. 20 Kilometer vor Tongeren wurde hier 1998 die bedeutendste Neandertaler-Siedlung Flanderns entdeckt. Die spektakulären Funde trugen dazu bei, das Bild des Neandertalers zu verfeinern: "Wir verstehen ihn immer besser, kennen seinen täglichen Kampf um die Existenz", so Creemers.

Ein Kampf, den der moderne homo sapiens offenbar besser beherrschte: Knapp 10.000 Jahre lebten Mensch und Neandertaler nebeneinander im gleichen Gebiet. Der Neandertaler ist mithin nicht ein Vorfahre des Menschen, sondern bildet eine separate, urzeitliche Menschenart.

Die Ausstellung ist bis zum 19. September 2004 wie folgt geöffnet: montags von 12 bis 17, dienstags bis freitags von 9 bis 17 und samstags sowie an Sonn- und Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet fünf Euro (Kinder ab sieben Jahre zahlen zwei Euro).