Aachen: Die hohe Kunst einer wunderbaren Frau

Aachen: Die hohe Kunst einer wunderbaren Frau

Es ist eine durch und durch nur traurige Nachricht: Janet Brooks Gerloff ist tot. „Ohne dich kein Wir”, schreibt ihre Freundin Petra Welteroth in einem sensiblen Nachruf. Der Tod der deutsch-amerikanischen Malerin aus Aachen-Kornelimünster macht Familie, Freunde und viele Menschen, die sie kannten, mochten, liebten und schätzten, betroffen.

Sie starb am Montag an einer schweren Krankheit im Alter von nur 61 Jahren.

Zurückhaltend, aber nicht immer

Was für eine Künstlerin! Und was für ein Mensch! Wenn sie irgendwo erschien, wenn man sie traf, da ging ein Licht auf. Eine große Malerin, die nicht viel Aufhebens um sich selber machte, die oft zurückhaltend war, aber nicht immer.

So fragte sie Altkanzler Helmut Schmidt bei einem Empfang kurz und direkt, ob sie ihn ansprechen dürfe. „Das tun Sie ja bereits”, knurrte der in bekannter Manier zurück. Aber sie „durfte” ihn malen, in seinem Ferienhaus am Brahmsee.

Wenn sie in solchen Situationen mit ihrer Kunst am Ende war, sprich: das fertige Werk dem Gemalten überreichte, hatte sich das „Dürfen” längst auf die andere Seite geschlagen: Die Schmidts und Barzels, Kühns und Raus, Lambsdorffs und Albrechts durften sich von ihr malen lassen.

Diese Porträts, auch von August Everding, Marcel Marceau, Kurt Masur, Hilde Domin und Konrad Beikircher, bedeuteten für die von Janet Brooks Gerloff Ausgesuchten auf Leinwand fixiertes Renommee. Von dieser wunderbaren Frau gemalt zu werden, das war und ist schon eine Visitenkarte par excellence!

Was ist der Mensch?

Ihre Porträts sind mehr als die gelungene Zusammenführung von Leinwand, Farbe und Formen. Es sind Kompositionen für ein Gesamtkunstwerk, das die Gefühlswelt des Gegenüber berücksichtigt. Janet hatte eine sehr feine Empfindung für das, was Menschen bewegt. Ohne diesen Kompass wäre ihre Porträt-Kunst niemals vollendet gewesen. Ihre Frage lautete stets: „Was geht in Menschen vor?” Und: „Was ist der Mensch?”

Diese Auseinandersetzung, diese Begegnung mit dem Anderen, dieses Einlassen auf eine ganz subtile und temporäre Form von Zweisamkeit führten sie zur Basis ihrer Kunst: Der Mensch im Zwiespalt und Umbruch. Ist es nicht das Thema jeder Zeit?

Ja, ihre Themen, nicht nur Porträts, sondern auch Religion, Literatur, Musik. Gestalten und Szenen aus der Bibel, Becketts „Warten auf Godot”, Schuberts „Winterreise”, die Geschichte des Kaspar Hauser, Plakatentwürfe für die „Nachtmusik im WDR” dokumentieren ihre Welten und Zeiten, ihre Gedanken und Botschaften, ihre Talente und ihre Ernsthaftigkeit.

Zu ihren Werken gehören ebenfalls Glasfenster und Altarbilder für mehrere Kirchen, es ließe sich noch Manches erwähnen, doch Maßstäbe in der DIN-Norm aufgezählter Quantität werden ihr ja gar nicht gerecht. Eher sind sie Anhaltspunkte für ihre außergewöhnliche künstlerische Schaffenskraft und ihr kreatives Portfolio auf höchstem Niveau.

Sie wurde 1947 in Kansas, USA, geboren und bestand ihr Examen als Kunstpädagogin an der University of Northern Colorado. 1972 siedelte sie nach Deutschland über, im gleichen Jahr heiratete sie. Einige Jahre später wurden ihre Kinder Anneke und Hendrik geboren.

Denver, Brüssel, Weimar, Berlin

Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen haben sie bekannt gemacht, unter anderem in Denver, Nürnberg, Bonn, Hamburg, München, Brüssel, Düsseldorf, Leipzig, Weimar, Berlin und natürlich in Aachen. Ihre letzte Ausstellung im Kölner Käthe-Kollwitz-Museum in diesem Sommer hieß „Gestalten und Geschichten” und fasste ihre künstlerische und persönliche Auseinandersetzung mit dem Zerrissenen und Zwiespältigen mit Werken aus zwei Jahrzehnten zusammen.

In ihrem letzten Brief, den sie mir am 9. August schickte, schrieb sie: „Mein ganzer Lebensrhythmus hat sich jetzt verändert und vieles bleibt leider liegen.” Sie hatte trotz ihrer schweren Krankheit Pläne.

Die Welt braucht Menschen wie sie, mit ihrem Tod sind wir nun alle ärmer geworden. Ihr Lebenswerk, ihre gemalte Lebendigkeit, ihr persönliches Vermächtnis - sie bleiben uns diesem scheinbaren Ende zum Trotz eindrucksvoll erhalten.

Die Trauerfeier findet am 4. Oktober, 14 Uhr, in der Kirche der Benediktinerabtei in Kornelimünster statt.

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