Aachen: Die ganze Welt ist eine Holzkiste: „Pinocchio” im Theater Aachen

Aachen: Die ganze Welt ist eine Holzkiste: „Pinocchio” im Theater Aachen

Am Ende stehen 800 Kinder zwischen den Reihen, tanzen und kommen aus dem Klatschen gar nicht mehr heraus. „Zugabe, Zugabe” rufen sie immer wieder. Solange bis Theatermusiker Malcolm Kemp wieder hinter dem Keyboard sitzt und gemeinsam mit Pinocchio, Geppetto, der Fee, der Katze und dem Fuchs den Ohrwurm „Holz im Glück” singt.

Er könnte auch von „Wir sind Helden” stammen, und er geht den Kindern ins Ohr, in die Füße und ins Herz. Bis dahin ist es aber ein weiter Weg - nicht nur für Pinocchio, dessen Geschichte gestern im Großen Haus des Theaters Aachen als diesjähriges Familienstück in der Inszenierung von Jonas Knecht (Dramaturgie, Harald Wolff) Premiere feierte.

Der freche Holzjunge Pinocchio möchte seinem Vater Geppetto (Torsten Borm) ein guter Sohn sein, doch Abenteuerlust verleitet ihn dazu, zuverlässig den falschen Weg einzuschlagen. Anstatt in die Schule zu gehen, schließt er sich Fuchs (Björn Jacobsen) und Katze (Katja Zinsmeister) an, tauscht Fibel gegen ein kurzes Vergnügen im Zirkus, verliert Gold und fast sein Puppenleben.

Dieses italienische Lehrstück für ungehorsame Kinder, das sich Carlo Collodi Ende des 19. Jahrhunderts ursprünglich als Fortsetzungsgeschichte für die Zeitung ausgedacht hat, kennen fast alle Kinder. Das ist einerseits ein Glück, weil die Story mit ihren vielen Stationen und Sprüngen ansonsten sehr verwirrend hätte sein können; andererseits haben die Zuschauer eine sehr genaue Vorstellung davon, wie sie Pinocchio sehen wollen.

Diese Erwartung enttäuscht das Stück am Anfang. Niemand versucht ihnen vorzugaukeln, Pinocchio sei real. Niemand versucht, die Theaterbühne vergessen zu machen, niemand stürzt sie kopfüber in ein Abenteuer. Pinocchio ist eine Holzpuppe, und sie bleibt eine (Puppenbau: Hagen Tilp). Das muss das Publikum erst einmal begreifen und verdauen. Und nicht nur das: In einer Art Prolog unterhalten sich die Schauspieler über das Stück, das jetzt gegeben wird, und bauen so zusätzlich Distanz auf.

Auch das Bühnenbild von Michael Köpke und die Kostüme von Esther van de Pas nicht dazu angelegt, einen bunten, überbordenden Rausch zu erwarten, wie das etwa im vergangenen Jahr bei „Dschungelbuch” der Fall war. Ein paar Holzkisten stehen vor einem ansonsten schwarzen Hintergrund. Seitlich auf der Bühne sitzt Malcolm Kemp, der die Musik wie für ein Road-Movie komponiert hat (klasse!), und begleitet das ganze Geschehen als musikalischer Alleinunterhalter.

Eine Herausforderung

Im Mittelpunkt der Bühne steht eine sehr große Holzkiste. Auf ihr und in ihr spielt sich das wechselnde Geschehen ab. Sie ist die „Blackbox”, eine Bühne auf der Bühne. Sie ist mal Zirkusarena, mal dunkler Wald, dann Feenland und Haifischbauch. Die beiden Schauspielerinnen Julia Brettschneider (sie gibt zudem noch fantastisch die Grille) und Wiebke Alphei, die in einem fein aufeinander abgestimmten Spiel den Hampelmann Pinocchio führen, für ihn sprechen und singen, bleiben stets sichtbar. Das alles ist eine große intellektuelle Herausforderung für die Kinder, die ein kleines Mädchen so auf den Punkt bringt: „Kommt jetzt der echte Pinocchio?”, fragt sie am Ende der Pause ihre Sitznachbarin.

Und in der Tat ändert sich die Sache im zweiten Teil, die Inszenierung wird bunter, schneller und steuert mit viel Tempo aufs Finale zu. Waren die Zuschauer bis dahin noch irgendwie gespalten, was sie von der hölzernen Sache halten sollen, so sind sie jetzt ganz dabei. Keine Verunsicherung mehr, nur noch spontane „Ohhs” und „Aaahs”, wenn Pinocchio bei seiner Irrfahrt im Spielzeugland Station macht - eine wunderbare Parodie auf eine bunte, mediale Plastikwunschwelt. Und sie sind erleichtert, als Pinocchio endlich seinen Vater Geppetto im Bauch des Hais wiederfindet. Warum es kein Wal wie im Original ist, bleibt offen. Und natürlich rettet der abenteuerlustige Pinocchio hier sich und seinen Vater mit genau jenen verrückten Einfällen, die ihn vorher erst in diese missliche Lage gebracht haben.

Spätestens jetzt stehen viele der Kinder vor ihren Stühlen und klatschen begeistert mit: „Die Welt ist rund, mein Weg ist weit. Ich sing mein Lied zum Zeitvertreib.” Herausforderung angenommen!

Die Abenteuer von „Pinocchio”, geeignet für Kinder ab sechs Jahre, sind bis Mitte Februar noch insgesamt 36 Mal auf der großen Bühne im Theater Aachen zu erleben.

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