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Aachen: Die ersten Treffer auf dem Spielfeld der Fantasien

Aachen : Die ersten Treffer auf dem Spielfeld der Fantasien

Ein heißes Wochenende: Beim 22. Theatertreffen, bei dem sich bis zum Sonntag, 29. Juni, die Bühnen in NRW mit zehn Produktionen vorstellen, gab es am Samstag den „Anpfiff”, um im originellen Spiel mit den Fußball-Metaphern zu bleiben, die sich durch dieses Festival ziehen.

Zur Eröffnung stellten die Städtischen Bühnen Münster ihre Inszenierung von Shakespeares „Was ihr wollt” vor.

Parallel zum Theatertreffen diskutiert die Ständige Konferenz der NRW-Intendanten zudem die Situation angesichts bedrängender Sparbeschlüsse des Landes.

Mit einem ernsten Appell an Landes- und Bundesregierung meldeten sich noch vor der abendlichen Eröffnung des NRW-Theatertreffens in Aachen die Vertreter der Ständigen Intendanten-Konferenz des Landes zu Wort.

„Es ist erstaunlich, wie sich die Kulturpolitiker uns gegenüber verhalten, da kommt ein ungesundes Volksempfinden auf, spüren wir politische Arroganz und deutliche Ressentiments gegenüber der Hochkultur”, so Jens Pesel, Sprecher der Vereinigung.

20 Prozent der Betriebskostenzuschüsse hat das Land gestrichen - das bedeutet schmerzhafte Einschnitte in einer Größenordnung zwischen 100.000 und 260.000 Euro je nach Verteilungsschlüssel. „Und das in einer laufenden Spielzeit, bei der wir Verträge erfüllen müssen”, ergänzt Thomas Bockelmann, Intendant in Münster.

Nicht allein die Tatsache der Landesmaßnahmen, auch deren „Signal” macht betroffen. Pesel: „Da fühlen sich doch die Kommunen ermutigt, die Etats noch weiter zurückzufahren.”

„Heftige Maßnahmen” sind nicht ausgeschlossen

Mit Sorge blickt man auf Überlegungen, die öffentliche Finanzierung auf Null zu fahren und nur noch Projektförderung zu betreiben.

„Das hätte gravierende Folgen für die Struktur der Theaterlandschaft, in so einem Fall versprechen wir heftige Maßnahmen.”

Doch trotz dunkler Wolken schaut man hoffnungsvoll in die Zukunft: zum Beispiel auf das Jahr 2004, denn das nächste NRW-Theatertreffen ist schon in Vorbereitung - Jens Pesel und die vereinigten Bühnen Krefeld/Mönchengladbach werden dann die Gastgeber sein - das erste „Spielergebnis” des Tages.

Mit den „Treffern” war es ein bisschen schwieriger. Das Torwand-Schießen auf dem grünen Rasen-Viereck der beiden Initiatoren, die das 22. NRW-Theatertreffen mit ihren Teams organisiert haben, verlief jedenfalls „unentschieden”: Weder Paul Esterhazy, Generalintendant des Aachener Theaters, noch Manfred Langner, Intendant des Grenzlandtheaters, schafften es, einen Ball zu platzieren.

Wie hoch schließlich die „Trefferquote” der teilnehmenden Bühnen sein wird, entscheidet im Lauf dieser Woche die Jury, zu der Marion Victor, Cheflektorin beim Verlag der Autoren, Schriftsteller Lutz Hübner und der Feuilleton-Journalist Gerhard Jörder gehören. Sie werden von der Inszenierung bis zum Nachwuchstalent die jeweils Besten ermitteln.

Bevor nun endlich ein sehr gegenwärtiger Shakespeare zum Zuge kam, gab es noch ein paar Begrüßungsworte der beiden Theaterchefs und der Kulturdezernentin Isabel Pfeiffer-Poensgen sowie Grüße des Kreises Aachen (Träger des Grenzlandtheaters), die der stellvertretende Landrat Hans Körfer überbrachte.

Wer sich zuvor gewundert hatte, dass der Zuschauerraum nur „überschaubar” belegt war, obwohl es an der Kasse keine Eintrittskarte mehr für diesen Abend gab, erhielt endlich eine Erklärung: Regisseurin Karin Neuhäuser hat das Publikum in ihre Inszenierung eingebunden.

Und so kletterten rund 145 Zuschauer folgsam auf die Bühne, wo sie „Gäste” jener Bar waren, in der die Gestalten der Komödie „stranden”, wo sich Liebe und Leid, Witz und Skurrilität ereignen.

Das von ihr gewählte und ausgezeichnet umgesetzte Bild überzeugte und begeisterte, wie auch das sich anschließende Publikumsgespräch bewies - moderiert von Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung, der damit die „Nachspielzeit” im ersten Match einleitete.

Er wandte sich zunächst an die Akteure. Wie sie sich fühlen mit der vertrauten Produktion auf der fremden Bühne? „Das hat irgendwann etwas Alptraumhaftes, alles ist leicht verschoben”, beschreibt es Jürgen Wink, der einen glänzenden Haushofmeister Malvolio präsentierte.

Aber: „Man akzeptiert die Kompromisse, die Begegnung ist wichtig”, fasst es Karin Neuhäuser zusammen, die zur Zeit in Münster Tschechows „Drei Schwestern” inszeniert.

Leider nur wenige Plätze bei Eröffnungspremiere

Kritik an den Planern blieb dennoch nicht aus, da ausgerechnet die Eröffnungsproduktion vor nur kleinem Publikum gezeigt werden konnte.

„Wir haben um dieses Stück gerungen, und es wird sogar zwei Mal gezeigt, es ist etwas Besonderes”, warb Esterhazy für Verständnis.

Fragen, Meinungen, Eindrücke - sie wurden noch bis in den frühen Morgen beim gemütlichen Plausch mit flackernden Kerzen auf dem Rasenplatz ausgetauscht.

Nur ein paar Stunden später ging es im Spiegelfoyer auf grünem Grasteppich weiter - beim „Palaver”, zu dem Schauspieler Ulrich Haß seine Kollegin Claudia Burkhard, Regisseurin Neuhäuser, Dramaturg Thomas Obereder (Bochum) und Elisabeth Einecke-Klövekorn, Vorsitzende des Landesverbandes der NRW-Theatergemeinden (Bonn) begrüßte.

Ein wenig „abgehoben” die Losung des Morgens: Welche Gedanken weckt bei uns heute Friedrich Schillers Frage „Was kann eine gut stehende Schaubühne eigentlich bewirken?”.

Theater für das Volk? Theater als Vermittler von moralischen, erzieherischen und bildenden Werten? Theater als künstlicher Ort, der Wirklichkeit sichtbar machen kann?

Die gehaltvolle Diskussion zwischen Religion und Menschenrechten erzielte ein tiefsinniges Ja - der erste Sonntags-Treffer im großen Spiel.